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Gespräch mit Marc Lynn

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One Team One Spirit - The Very Best
"One Team One Spirit - The Very Best", 2004
Human Zoo
"Human Zoo", 2003
One Life One Soul - Best Of Ballads
"One Life One Soul - Best Of Ballads", 2002
Homerun
"Homerun", 2001
Open
"Open", 1999
D-Frosted
"D-Frosted", 1997
G.
"G.", 1996
Dial Hard
"Dial Hard", 1994
Gotthard
"Gotthard", 1992
Gotthard 2004
Gotthard 2004

Marc Lynn Kaum eine Band aus dem Bereich Hardrock hatte in den letzten 10 Jahren so viel Erfolg mit zwei verschiedenen Musiken: Eben Hardrock auf der einen Seite und auf der anderen die weichgespülte Version in Form von (poppigen) Balladen oder konsequenterweise gleich akustischen Alben. Dieser Spagat brachte den Schweizern neben guten Verkäufen auch viel Häme und - auch was den Verfasser betrifft - jede Menge Ablehnung ein.
Grund genug, mit Bassist und Gründungsmitglied Marc Lynn einen gnadenlosen Kampf auszufechten. Auf schwere Waffen haben wir allerdings verzichtet, erstens ist Marc nach einem heftigen Motorradunfall grade in der Genesungsphase und zweitens auch noch ein ganz besonders netter Zeitgenosse.
Prompt hat das Aufnahmegerät nicht mitgespielt und so gingen gut 15 Minuten des Gesprächs verloren. Marc erzählte von seinem spektakulären Motorradunfall auf der Rennstrecke von Magnicours in Frankreich, der ziemlich zerstörten Schulter, seinen Reha-Aktivitäten und seinen Eindrücken von einigen GOTTHARD Konzerten, bei denen er verletzungsbedingt nur im Publikum stand und von einem Ersatzmann vertreten wurde. Und dass er so schnell wie möglich wieder auf das Motorrad steigen wird.
Nehmt Euch ein wenig Zeit, Marc hat viel zu sagen!

HoR: Ihr habt eine Menge Prügel einstecken müssen. Für die Balladen, für den Popkram, für die akustischen Sachen. Ich gebe es offen zu, mir hat das auch nicht gefallen und ich war einer der Euch als Hausfrauen- und Friseusenband bezeichnet hat. Haftet Euch dieses Image nachhaltig an?

M. L.: Jein! Wenn ich die Wahl habe zwischen 10 Hausfrauen und 10 Rockern die vor meiner Tür stehen um mit mir einen Kaffe zu trinken, dann würde ich natürlich die Friseurinnen und Sekretärinnen bevorzugen. Hahaha...
Aber ernst. Es ist natürlich so, dass du dich vorher entscheidest, du gehst ja deinen Weg. Du weißt genau, böse Zungen werden kommen und das muss man einordnen. Wer ist das, woher kommt der und so weiter. Weißt Du was, grade bei den Unplugged Konzerten war es so, da standen die Leute mit den Kutten und AC/DC- oder MEGADETH-Aufnäher ganz vorne dran und haben mit den Feuerzeugen gewunken.
Da muss ich sagen: Vergiss es [was irgendwelche Kritiker sagen - Red.]! Entweder ist das Konzert gut oder nicht gut.
Die Scheibe ist natürlich was anderes. Wir wussten, wir würden ein paar Fans verlieren. Aber hätten wir eine "G. 2" und "G. 3" gemacht, hätten die genau gleichen Leute gesagt, dass es nix neues ist und dementsprechend langweilig.
Man sieht es an lange bewährten Bands wie AEROSMITH oder BON JOVI oder AC/DC, die versuchen auch sich ein wenig zu ändern. Manchmal geht das besser, manchmal geht es schlechter. Bei den SCORPIONS war es nicht so gut, weil sie es eben sehr krass gemacht haben. Erst krass nach rechts und dann wieder krass nach links. Wir sind krass nach rechts und gehen jetzt wieder langsam nach links. Das alles muss eine Linie haben.
Klar würden wir gerne von allen geliebt und akzeptiert werden, wer will das nicht wenn du Musik machst. Aber: Wir haben einen Sänger der singen kann, also lass uns Musik machen! Unser Sänger ist einfach nicht zum Shouten da.
Dass ein Wechsel kommen musste, war eigentlich nach der "Defrosted" klar. "Defrosted" war so ein Zwischending. Das hatten alle gemacht, TESLA und und und, wir hatten Spaß daran, also los, wir machen es auch, aber eben frisch. Wir wussten selbstverständlich, dass die Leute kommen und sagen "noch ne unplugged, das Thema ist jetzt aber wirklich durch". Also musste es so gut werden, dass man hinterher sagt "wow, jetzt wissen die anderen, wie sie es hätten machen sollen". Das war das Ziel und das ist uns gelungen. Das Album ist frisch und lebendig, die Songs neu arrangiert und und und.
Danach musste sich etwas ändern. In die härtere Richtung wollten wir nicht, es blieb also nur die poppigere Ecke übrig.

Home of Rock: Du warst am Anfang Deiner Karriere bei CHINA. Existiert die Band noch?

M. L.: Nein, weil der Freddy [Scheerer, Nachfolger von Mandy Meyer - Red.] ist ja jetzt bei uns. Die wollten immer mal eine Reunion machen, aber das hat nie so richtig geklappt. Keine neue Platte, keine neuen Songs und so weiter. Ich denke, die Band wird nach dem Einstieg von Freddy bei uns nichts mehr machen.

HoR: Was ist der Unterschied zwischen Mandy und Freddy?

M. L.: Menschlich ist Freddy genau das Gegenteil vom Mandy. Du fragst ihn was und er gibt dir eine Meinung, er vertritt immer ganz klar einen Standpunkt. Mandy war da eher der ruhigere, hat immer noch mal überlegt, war mehr introvertiert. Das ist nicht negativ! Und zweitens, Mandy hatte immer ein Problem damit, dass er nicht so der Gitarrenstar in der Band wurde. Das hat ihn sehr bedrückt und war vielleicht der Hauptpunkt, warum er irgendwann nicht mehr wollte.

HoR: Na ja, bei einer Band wie GOTTHARD geht ein "Gitarrenstar" (a la Malmsteen) doch gar nicht?

M. L.: Genau. Gewissen Leuten kann man das hundertmal erklären und gewissen Leuten kann man es nicht erklären. Das ist einfach ein Feeling, das in denen ist. Dann muss man loslassen und sagen, ok, das war's, alles Gute. Das ist auch nicht negativ, aber es hat keinen Sinn wenn du einen Unzufriedenen in der Band hast.
Das war die eine Seite. Die andere ist die, dass Mandy live immer sehr je nach Feeling hin und her geschwankt ist. Das heißt, er brauchte geilen Sound der ihn inspiriert - er war halt so richtig der Musiker, in sich gekehrt, wie kommt der Monitorsound rüber, hör ich mich gut und so weiter. Freddy ist mehr der Kämpfer. Der sagt "egal, ich hör mich halt nicht aber ich weiß ja was ich spiele" und durch. Freddy kommt mehr aus der Punkszene, jedenfalls was er in den letzten Jahren gemacht hat, und Mandy war mehr aus der beinahe poppigen Szene.
Ich bin froh, dass wir den Freddy haben, ich mag Leute mit Meinung. Aber die Zeit mit dem Mandy war natürlich auch große Klasse. Er war einfach ein schwieriger Zeitgenosse und wenn du dir acht Jahre lang überlegen musst, ob du nun einen Partner hast oder nicht...
Wir haben aus verschiedenen Gründen, auch weil wir einfach keine Zeit hatten - neues Management, neue Plattenfirma, also unsere eigene - zu diesem Thema in der Öffentlichkeit nichts gesagt. Das ging auch über Rechtsanwälte und so weiter. Wir rechtfertigen uns nicht, manchmal ist das ein Fehler, manchmal ist es auch gut, weil man soll gewissen Mist nicht durch die Presse ziehen, aber auf der anderen Seite sollte man schon ab und zu mal sagen "Hey, Moment, so geht das aber nicht".

HoR: Ich denke, letztendlich interessiert es den Fan auch gar nicht, es geht doch um die Musik die am Schluss herauskommt.

M. L.: Irgendwie auch nicht. Wir ziehen uns halt immer zurück, fixen etwas, sagen wie es weitergeht und da geht es dann auch hin. So handhaben wir das seit Jahren. Da können uns die Leute vorwerfen was sie wollen - wie Du gesagt hast "hausfrauenmäßig" und so - das stört uns dann nicht. Wir ziehen das durch. Wenn wir nach "Open" wieder ein "G." Album gemacht hätten, was hätten die Leute denn gesagt? "Die Band weiß doch auch nicht was sie will" hätten sie gesagt!
Du musst schon deine Linie beibehalten und das kannst du nicht nur über ein Album machen und dann tschüss. Als Rockband die schon so lange besteht musst du natürlich ein Konzept für die nächsten Jahre ausarbeiten.
Jetzt kann ich sagen, dass wir an einem Punkt sind, wo das nächste Album eine Überraschung sein kann [mit Betonung auf "nicht muss" - Red.]. Weil, durch die Veränderungen und auch den "Abschluss" mit dem Best Of Album sind wir an einem Punkt angelangt, wo man sagen kann "lass uns einen Schritt weiter machen".
Ich freue mich total auf die nächsten gemeinsamen Proben mit den neuen Songs. Wir haben ja schon ein paar gemeinsame Konzerte gespielt, aber jetzt mit dem neuen Keyboarder ist das richtig spannend.

HoR: Keyboards spielen also weiterhin eine wichtige Rolle?

M. L.: Natürlich, Keyboard ist immer wichtig. Es ist nur die Frage in welchem Sinne. Es gibt die Luschi-Sounds und es gibt die Hammond. Jump von VAN HALEN hat auch ein geiles Keyboard drauf. Das Ziel ist, das Keyboard richtig einzusetzen und nicht mehr zu überladen.
Der Chris von Rohr hat früher immer alles genommen, gesagt "komm gib mir alles was du hast" und dann hat er gemacht. So wollen wir das nicht mehr, sondern dezent aussuchen was wir brauchen.

HoR: Chris von Rohr hatte aber auch Einfluss auf Platten wie "Dial Hard" und "G." und das waren keine schlechten Scheiben!

M. L.: Ne, überhaupt nicht! Wir hatten ja überhaupt keine schlechte Zeit mit Chris. Aber bei der "Open" waren wir überhaupt nicht zufrieden mit seiner Arbeit, deswegen war er bei "Homerun" nur noch halber Produzent. Nach "Open" hat sich die Zusammenarbeit mit ihm reduziert. Auch im Songwriting. Er steht zwar noch auf allen Songs mit drauf, aber das ist sozusagen unser Gedanke von Teamarbeit.
Wir haben sogar überlegt, "Open" zu überarbeiten. Die Platte hatte Gitarrenarbeit vom Feinsten drauf, die aber oftmals [im Mix - Red.] völlig unterdrückt wurde.

HoR: Verkaufstechnisch lief die doch nicht schlecht.

M. L.: Nö, überhaupt nicht. Wir haben natürlich nach der "Defrosted" versucht, die Masse an hinzugewonnenen Fans langsam ein wenig in Richtung Rock mitzuziehen. Man sieht es auch an der permanenten Steigerung bezüglich der Härte...

HoR: Kann man Eure neuen Songs - soweit sie fertig sind - mit der letzten CD "Human Zoo" vergleichen oder ist das was komplett anderes?

M. L.: Hm, man kann es noch nicht sagen, die Fragmente sind bisher sind noch zu klein. Wir sind momentan beim Songwriting. Ich habe vorgestern zwei Songs gehört, ein harter und eine Ballade, und die Ballade ist anders als bisher, nicht mehr so DEF LEPPARD mäßig (überladen).

HoR: Was inspiriert Dich beim Songs schreiben? Ist es noch das gleiche wie vor 10 Jahren, am Anfang von GOTTHARD?

M. L.: Mein Feeling. Ich kann zwar nicht besonders gut spielen, aber meistens beginnt es mit dem Piano - ich lege einen Drumbeat darunter, schließe die Augen und schaue was was dabei rauskommt, wie ich mich gerade fühle.
Was hat sich geändert? Hm, heute sagt man schneller mal "ok, das ist keine gute Idee, lassen wir das". Ich gehöre nicht zu den Haupt-Songschreibern, aber ich gebe immer ganz guten Input, also mal da einen Anfang, ein Lick etc. und das gebe ich dann an die Jungs weiter, die arbeiten das dann weiter aus.

HoR: Euer Deal bei der BMG ist ja ausgelaufen. Ich vermute mal, dass Ihr auch nicht mit Nachdruck gefragt wurdet, ob ein Nachfolgevertrag kommen soll. Die Situation in der Industrie ist nunmal so und Ihr wärt nicht die einzigen, die keinen neuen Plattenvertrag mehr bekämen.

M.L.: Oho, die haben uns schon angefragt, so ist das nicht.
Die Planung war folgende: Wir wollten ursprünglich eine Liveplatte und DVD rausbringen. Da kam von BMG kein Angebot, weil die waren sich 100% sicher, dass wir eh bei ihnen unterschreiben. Die sagten "wir haben die Lizenzen für die Songs für die nächsten 5 Jahre und wenn die ein Livealbum rausbringen wollen müssen sie zu uns kommen". Es kam ihnen nie in den Sinn, dass wir sagen "ok, machen wir halt kein Livealbum".
Die haben sich zurückgelehnt und irgendwann wurde es eng für sie.
Wir waren für die BMG Schweiz der Haupteinkommensfaktor, die haben mit uns am meisten von all ihren Acts verdient, auch international. Direkt verlieren wollten sie uns natürlich auch nicht, aber...

HoR: Also habt Ihr bei den Verhandlungen mit einer künftigen Plattenfirma ein ganz gutes Standing...

M.L.: Stimmt. Grundsätzlich hätten wir mit der BMG Schweiz gerne weitergemacht. Aber zu besseren Konditionen. Wir hatten 14 Jahre lang schlechte Konditionen und die wurden im neuen Angebot nicht wesentlich verbessert.
Mit der BMG International [also außerhalb der Schweiz - Red.] sind wir überhaupt nicht zufrieden gewesen. Vor allem mit Deutschland nicht. Das sieht man jetzt wieder bei der Best Of, die tun einfach nichts! Man müsste ja fast noch Anwälte einschalten, damit da überhaupt was vorwärts geht. In den ersten Jahren lief es in Deutschland gut, aber dann begann es zu haken - mit den Strukturen und Geld und was weiß ich alles. Der Vertrieb hat immer top gearbeitet. Aber die Leute hintendran... die hatten einfach keine Ahnung. Man hat die alten (teuren) Leute entlassen und durch junge (billige) ersetzt. Da kannst du als Band schreien wie du willst, weg ist weg, du musst deinen Vertrag erfüllen.
Die Industrie hat halt ein generelles Problem und für uns stellte sich die Frage, warum wir wieder bei einem Major unterschreiben sollten, wenn doch eh keiner weiß, mit wem morgen fusioniert wird und ob wir dann überhaupt noch einen Vertrag in der Tasche haben und du dann auf Eis liegst. Da machen wir das doch lieber gleich selber und suchen uns auch unsere Partner selber aus. Und wenn wir für 170 Länder 170 verschiedene Verträge haben, das ist doch egal. Nur mit der BMG International geht nichts mehr.

HoR: Und wie schaut es jetzt in der Schweiz aus?

M.L.: Wir haben einen guten Vertrieb und haben mit denen den größten Deal der je für einen Künstler aus der Schweiz gemacht wurde abgeschlossen. Da geht es schon um ein paar Millionen. Und ansonsten arbeiten wir rund um unser eigenes Label mit einigen Firmen zusammen. Das sind Firmen die wir bezahlen für ihre Arbeit damit sie ihren Job gut erledigen.
Es gibt einige Künstler aus der deutschsprachigen Schweiz die das seit Jahren so machen. DJ Bobo zum Beispiel, der macht auch alles selber. Mit dem waren wir übrigens auch am verhandeln - Kostensplitting etc. - das kam dann aber nicht zustande, weil wir andere Wege gehen wollten.
Du weißt es ja selber, heute hat man ganz andere Möglichkeiten als früher. Du kannst zuhause aufnehmen etc., alles viel kostengünstiger. Die Plattenfirmen versauen doch mehr Geld als sie zustande bringen. Wenn die mal ihre ganzen imperialistischen Gedanken wegwerfen und sich mehr auf die Bands konzentrieren würden, dann gäbe es vielleicht auch mal wieder ein paar mehr echte Stars.
Das sind alles die Gründe, warum wir uns einfach nicht mehr an eine Firma binden wollten, wo am Schluss wieder nichts geht.

HoR: Habt Ihr den Einbruch auf dem Markt auch direkt mitbekommen?

M.L.: Ja klar. Aber bei uns stellte sich die Frage anders. Wir waren unzufrieden mit der Plattenfirma und insofern kann kein Mensch sagen, wie viel es an den Käufern lag, wie viel an der Firma und wie viel diese ganzen neuen Medien schuld sind.
Ich seh das so: Wenn du eine gute LP machst, dann wollen die Leute die auch zuhause haben. Ein guter Rockfan kauft eine gute LP und lädt sie nicht irgendwo runter.
Die Industrie hat ihren Job in den letzten Jahren nicht richtig erledigt. Fusionieren, optimieren, zusammenlegen, weiß nicht was noch alles, aber ihre Arbeit haben sie nicht gemacht.

HoR: Hat nicht die Industrie in den letzten Jahren einfach vergessen, Rockmusik in der richtigen Form an die Leute ranzubringen?

M.L.: Ja, kann man auch sagen. Man baute einfach auf das was kurzfristig rentiert und der Rest blieb stehen. Jetzt kommt natürlich die Abrechnung und da sehen sie schlecht aus.
Also ich möchte nicht sagen, dass alles nur die Schuld der Industrie ist. Es gibt auch Dinge wie Gesetzgebung und so weiter. Aber die Aufgabe einer Industrie ist eben auch, den ethischen Standpunkt zu vertreten. Den Standpunkt der Kunst, der Musik und nicht nur den Standpunkt "Musik ist Geld".

Wir bieten hiermit Wochenendseminar für Manager an: "Industrie und Ethik - Grundlagen". Für die erste Veranstaltung sind eingeladen die Führungskräfte von Opel, Karstadt, Borussia Dortmund und lernwilligen Plattenfirmen.

M.L.: Für uns wird sich sicher einiges verändern. BMG ist eine große Firma mit viel Macht, Einfluss und Kontakten - auch in den Läden. Du hattest dann halt eine riesige Werbung in den Läden stehen und so weiter. Das haben wir jetzt vielleicht nicht mehr. Aber das kann man mit anderen Dingen wettmachen. Wir sind ganz sicher eine Herausforderung für die Promotionfirma die für uns arbeiten wird, aber ich denke es ist machbar. Und außerdem müssen wir nicht mehr betteln gehen sondern können selber entscheiden wenn wir noch irgendwo etwas investieren wollen und ein paar Tausend Euro für Promo ausgeben wollen. Bei einem Major ist das Budget irgendwann verbraucht und fertig. Bei einem Indielabel ist das natürlich ganz anders. Die müssen einfach schauen, dass sich das Produkt verkauft, sonst rentiert sich das für die nicht.
Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind. Was bleiben denn für große Plattenfirmen noch übrig? Wir hatten die Möglichkeit bei Warner zu unterschreiben, hatten schon ein Agreement und dann passierte das mit denen. [Fusion, Zerschlagung, Massenentlassungen... - Red.]
Unser Level in der Schweiz ist extrem hoch. Den müssen wir halten. Um insgesamt weiterzukommen, müssen wir im Ausland zulegen, darüber sind wir uns bewusst. Und das geht nur mit einer guten Platte und guten Songs.

HoR: Wann wird die CD fertig sein?

M.L.: Geplant ist Ende Frühling 2005, also etwa Mai. Dann Festivals und danach eine eigene Tour. Asien ist natürlich auch geplant, da waren wir ja immer und es gibt durch unseren neuen Manager die ersten Kontakte nach Übersee.

HoR: Amerika...

M.L.: Ja klar! Selbstverständlich ist es zuerst wichtig, die Homebase zu festigen. Amerika ist für jeden Musiker ein Traum - nicht unser Haupttraum, wenn wir die ganze Welt haben und Amerika nicht, bin ich auch zufrieden...

HoR: Ihr wart bei den Festivals dieses Jahr rockiger und härter als zuletzt. Bewusst oder war das eine natürliche Entwicklung?

M.L.: Na, wir sind live eigentlich immer rockiger (gewesen).
Insgesamt ist natürlich die Tendenz, wieder ein bisschen rockiger zu werden. Was heißt wieder? Wir haben es eigentlich in den letzten Jahren konsequent immer mehr gesteigert und jetzt soll halt die letzte Steigerung auch noch kommen. Das heißt nicht, dass es Richtung Hard & Heavy geht, sondern das heißt, dass es vielleicht ein paar weniger Balladen auf dem Album gibt, dafür aber Klasseballaden und ein paar mehr Kracher.
Eine Ballade schreiben ist immer einfach. Die kommt einfach raus, zack, hier ist sie, die ist cool. Bei Rocksongs ist es schwieriger. So ein Mountain Mama schüttelt man nicht einfach aus dem Arm.

Was sagte der Rezensent erst neulich bei der Besprechung von "One Team One Spirit"?

M.L.: Ein Song wie Human Zoo ging ja auch etwas in diese Richtung. Ich persönlich finde, dass die Nummer so richtig abgeht. Oder auch Top Of The World auf der Best Of. Dann gibt's natürlich eine Menge Midtempo Songs, so wie zum Beispiel Janie's Not Alone oder What I Like. Das ist immer noch irgendwie poppig. Aber wir versuchen, die Rockecke wieder mehr zu "betatschen". So wie wir es bei "Homerun" mit beispielsweise End Of Time oder Eagle auch versucht hatten. Grade Eagle, das ging in schon in die Richtung Firedance etc. und das hat sehr gut geklappt.
Wir versuchen nicht, an solche Songs anzuknüpfen [er meint dies im Sinne von Selbstplagiat - Red.], aber wir können so was immer noch schreiben.
Die Magie von der ersten LP kannst du nie mehr hinkriegen. Für die erste LP hast du 10 Jahre Zeit, für die zweite nur 10 Monate. Fist In Your Face oder She Goes Down rocken auch, aber wir können nicht zum fünfzigsten Mal das gleiche Lick oder das gleiche Gitarrenriff bringen. Mountain Mama oder Movin' On sind natürlich tolle Songs, das finden wir bis heute und deswegen sind die auch immer und bei jedem Konzert im Programm, genau wie Mighty Quinn, Hush oder Firedance.
Wir waren nie die Heavytruppe, sind aber auch nicht die Softkapelle. Wir versuchen uns eben ein wenig diplomatisch "durchzuschlängeln" und mit neuen Dingen zu überraschen. Und jetzt wollen wir noch eine Kante mehr geben.

Das haben wir schon öfter gehört, jedoch ging der Schuss mehr als einmal in die falsche Richtung los...

M.L.: Die poppige Richtung war auch ein Verdienst von Chris von Rohr, der hat extrem gedrängt und gesagt "glaubt mir, ich bin euer Produzent und das ist der richtige Weg, wir müssen das tun". Jetzt sagt er genau das Gegenteil, WIR hätten Fehler gemacht und und und... aber die kamen alle von ihm. Ach, am Arsch vorbei... Damit muss man leben. Wir wollen die Gitarren wieder ein bisschen tiefer hängen und wieder ein bisschen abdrücken.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 12.10.2004

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