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Je nach Betrachtungsweise werden HANOI ROCKS in den Medien als Opfer oder als Versager dargestellt. Wie sich herausstellt, sieht Michael Monroe sich selbst überhaupt nicht als Opfer, ich halte die Band nicht für Versager - höchstens für stocksture, arbeitsscheue Sauhunde, die das süße Rockstarleben einem ehrlichen Job in der örtlichen Müllverbrennungsanlage vorziehen. Oder ist das Leben als lebenslanger Rocker am Ende gar nicht so toll? "Ich hab seit gut nem halben Jahr einen Computer. Sehr hilfreiche Sache, bloß raubt dir so ein Ding unglaublich viel Zeit", sagt Michael, was auf der einen Seite völlig richtig ist, schließlich kämpfe ich sogar einen aussichtslosen Kampf mit dem schicken und winzigkleinen MP3-Aufnahmegerät vor mir, auf der anderen Seite scheint es, als ob Herr Monroe bisher für die niederen Tätigkeiten eine Sekretärin hatte. Was ist passiert, dass der Meister selbst Hand anlegen muss?
Home of Rock: Michael, als ich Euer neues Album "Another Hostile Takeover" hörte, kam es mir zuerst ziemlich strange vor. Da sind ja schon einige Songs drauf, die anders als die bisherigen Sachen von HANOI ROCKS klingen.
Michael Monroe: Ja ja, ganz absichtlich. Zum Beispiel haben wir [er meint sich und Andy McCoy; Red.] Reggae Rocker und The Devil In You zusammen mit DJ Control und DJ Alimo von BEATS AND STYLES geschrieben. Und die sind ganz tief in Dance, Hip-Hop, Reggae und solchen Sachen, ziemlich experimentell, die hatten vor ein paar Jahren einen Riesenhit mit Dynamite zusammen mit den BOMFUNK MC'S. [Ah ja. Musik die im Hause Home of Rock quasi ständig läuft... Die Recherche ergab allerdings, dass die genannten Herrschaften tatsächlich ziemlich große Nummern in ihrem Genre sind. Red.] Andy und ich haben mit diesen beiden DJ's einen Song namens Renegade geschrieben, das Video kann man sich wohl auf der Homepage von BEATS AND STYLES downloaden, Andy und ich sind da auch drauf.
So, also mit denen haben wir zwei Songs für unser Album gemacht und The Devil In You ist eines meiner Lieblingslieder auf der Platte geworden. Immer noch HANOI ROCKS, aber halt mal anders, bisschen experimentell. Und Rocker sind ja auch noch genügend drauf, oder?
HoR: Also kein Versuch, sich vom "alten" Hanoi-Style zu verabschieden?
M.M.: No way! Wart auf das nächste Album, das wird ein richtiges in-your-face Punkrock & Roll Album. Nein, wir wollten einfach diesmal ein kleines wenig neues Zeug ausprobieren. That's all.
HoR: Werdet Ihr diese Songs auch live spielen?
M.M.: Na ja, nicht explizit, aber Reggae Rocker bauen wir zum Beispiel irgendwo als kleinen Jam mit ein. Oder wir spielen es am Ende der Show als Rausschmeißer über die P.A. ein.
Die meisten Leute hassen Reggae Rocker wie die Pest, ich hab jetzt schon viele gehört die sagen, dass es der schlechteste Song auf der Platte wäre. Dabei ist es doch nur ein kleiner Spaß, nichts ernst gemeintes.
HoR: Rock & Roll ist generell nicht zu ernst zu nehmen!
M.M.: Ja eben, wenn man sich zu ernst nimmt, fuckt man fürchterlich ab, grade im Rock & Roll. Liebe Güte, wenn man da den Humor verlieren würde...
HoR: Für die ernsthaften Sachen sind Leute wie Bob Dylan zuständig...
M.M.: Ja, schon, aber Bob Dylan hat natürlich die Musik zum Beispiel mit seinen Texten revolutioniert. Nur wir [Rock & Roller] sollten das wirklich nicht zu eng sehen.
[Wir unterhalten uns dann ein paar Minuten über die Bedeutung von Bob Dylan, Punk, die Armseligkeit fettgefressener reicher Rockstars und ihre Exzesse und sind uns durchaus einig - Michael ist ein überaus genauer Beobachter und spannender Erzähler, der beispielsweise große Teile der frühen finnischen Punk-Szene, aus der auch Andy McCoy entsprang, als Modeerscheinung abtut, die soziologische Bedeutung von Punk jedoch außerordentlich hoch schätzt, obwohl er selbst niemals als Punk herumlief sondern als Antipode in den Siebzigern lange Haare bevorzugte]
M.M.: Als ich in Andys damalige Band einstieg, wollten die doch tatsächlich, dass ich mir die Haare schneiden lasse. Sie meinten "das hier ist Punk und wie siehst du denn aus". Ja fuck, nicht mit mir.
HoR: Ihr werdet immer noch in diese Glam-, Punk-, Sleaze-, irgendwas Ecke gesteckt...
M.M.: Whatever that means... ich weiß schon, Glam, Sleaze-Metal... uuuah. Der Ausdruck "Glam" ist ja schon mal grundsätzlich völlig lächerlich. Was bitte ist an Rock & Roll glamourös? Die haben uns von Anfang an versucht in irgend eine Kategorie zu stecken. Sie haben uns Heavy Metal genannt, dann Punk und am Ende halt Glam. Die Bands, die damit angefangen haben, hatten doch eine völlig andere Motivation, die wollten einfach nur anders sein. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen [Michael ist 1960 geboren; Red], als Bands wie Alice Cooper oder die NEW YORK DOLLS, die FACES, MOTT THE HOOPLE, also all die Bands aus den frühen Siebzigern big waren. Klar, die hatten verrückte Klamotten, waren geschminkt, aber das taten die doch nur für die Bühne, die liefen ja nicht so auf der Straße herum. Das fand ich natürlich cool.
HoR: Die wollten eben auf der Bühne nach Rock & Roll, oder dem was sie dafür hielten, aussehen...
M.M.: Ja genau, schau Dir Little Richard an, der ist doch DER originale Glam-Rocker überhaupt. Ich meine, wenn irgendwer irgendwelche Typen mit schmierigen Haaren, dreckigen Jeans und zwanzigminütigen Gitarrensolos auf der Bühne sehen will... bitteschön. Ich find's eher langweilig.
Wir sind einfach eine Rockband mit einer gewissen, hmmm, Punk-Attitude. Rockband, jaaa.
Unglücklicherweise wollten uns, und alle anderen Bands, die Plattenfirmen immer irgendwie einkategorisieren, die brauchen halt ihre Verkaufsschachteln. Für den Musiker ist das eher hinderlich, du wirst limitiert. Ich würde gerne ALLES spielen, von Punk bis Calypso.
HoR: Wie fühlst Du dich denn? Wie ein Punk, wie ein Glamster, wie ein Bankangestellter...
M.M.: Like a Rocker! So wie von Anfang an. Wie ein Rocker, der tut was er tut und versucht sich Stück für Stück zu verbessern. Ich meine, wenn du Künstler bist, versuchst du halt immer besser zu werden, bessere Stücke zu schreiben, besser zu performen, besser an deinem Instrument zu werden.
HoR: Nebenbei bemerkt, denke ich, dass die ganze Band heute, speziell mit dem neuen Album, besser ist als jemals vorher. [Was kein Geschleime ist, ich finde die "Another Hostile Takeover", nach gewissen Anlaufschwierigkeiten, richtig gut und bin gespannt, was Kollege Schmidt demnächst darüber verlauten lässt]
M.M.: Thank you. Ich glaube das aber auch.
HoR: Mich hat die Publikumsresonanz auf eure Tour im letzten Jahr etwas erschreckt. Das war ja wirklich mager. [Der Gig in der Bochumer Zeche war kein Einzelfall, München und ein paar andere Konzerte waren ähnlich schlecht besucht]
M.M.: Na ja, 100 oder 200 ist besser als 2. Letztendlich können wir es nicht ändern und spielen für 2 oder für 20.000 und tun unser Bestes. Natürlich ist eine Band immer besser, wenn das Publikum gut (drauf) ist.
Ich war mit dieser Europatour [durch insgesamt 10 Länder; Red] eigentlich recht zufrieden. Wir haben in Ländern gespielt, in denen wir vorher nie waren, und in Deutschland haben wir in der Vergangenheit nicht besonders oft gespielt. Dementsprechend waren viele Leute da, die uns nie vorher gesehen hatten und deswegen haben wir auch viel Material von den alten Platten gespielt und ein bisschen vom "Twelve Shots On The Rocks" Album [die bei uns etwas untergegangene Platte von 2003; Red.]. Vielleicht sind wir immer noch das bestgehütetste Geheimnis im Rock & Roll.
Okay, das Timing für die Tour war vielleicht nicht das beste, aber wir hatten nie besonders viel Glück mit dieser Band.
HoR: Das geht ja nun schon gut zwei Jahrzehnte so...
M.M.: Wir waren ja ne Ewigkeit nicht zusammen... unser Schlagzeuger starb '84 [wörtlich sagt er "got killed"; Red.] und dann... hm, um ehrlich zu sein, ich dachte niemals, dass die Band wieder zusammenkommen könnte und dass es gar wieder funktionieren könnte. Das ist wirklich sozusagen eine Wiedergeburt.
Als Andy und ich uns nach der langen Zeit 2001 wieder getroffen haben, war es Fun mal wieder zu spielen und zusammen ins Studio zu gehen. Es klang einfach nach HANOI ROCKS und nach nichts anderem. Wir dachten uns "verdammt nochmal, warum sollen wir das denn nicht mehr machen?". Verstehst Du, die Band hat eine Geschichte, warum sollten wir das wegschmeißen und versuchen, den Leuten mühsam beizubringen wer Michael Monroe oder eine Band namens Monroe & McCoy ist, oder wie immer man das genannt hätte. Davon abgesehen ist HANOI ROCKS ja wohl der coolste Name für eine Rockband überhaupt...
Pass auf! Ich habe das niemals nur wegen dem Geld gemacht! Nicht früher und nicht heute. HANOI ROCKS war immer eine integre Band und das wollte ich aufrecht erhalten. Verstehst Du? Natürlich nehmen wir das Geld, wenn es welches gibt. Aber nur deswegen? Never!
HoR: Was ist mit dem aktuellen Line-Up mit Conny Bloom an der zweiten Gitarre und Andy "A.C." Christell am Bass? Hat das sofort geklappt?
M.M.: Ja. Am Anfang waren Conny und A.C. bekanntlich noch nicht dabei, auf "Another Hostile Takeover" spiele ich zum Beispiel die Bassparts und Conny ist nicht auf allen Songs zu hören, aber seit die beiden in der Band sind, ist HANOI ROCKS besser als jemals zuvor. Die Chemie stimmt jetzt vollständig. Ich bin wirklich glücklich mit dieser Konstellation und kann es kaum erwarten, wieder ins Studio zu gehen und direkt die nächste Platte zu machen. Wir schreiben schon an den neuen Songs. Im Herbst [2006] wird wohl ein neues Album erscheinen.
Bis dahin würden wir gerne touren. Und wir würden dafür gerne bezahlt werden... Das ist so ein Problem. Wir haben nicht die "Organisation" um uns herum, die solche Dinge in die Hand nehmen könnte. Die Band ist großartig, aber die Dinge rundherum sind, hmmm, noch nicht so wirklich perfekt geregelt. Der ganze Businesskram könnte besser sein.
HoR: Das geht den meisten Bands so. Wie ist es denn beispielsweise mit der kürzlich von Sanctuary Records veröffentlichten Box mit den sechs Alben von 1981 bis 1984. Bekommt Ihr dafür Geld?
M.M.: Yeaaaaah... [und das klingt wirklich gequält]. Die Box... klingt fast wie Sarg. Hahaha. Das Teil sieht ganz gut aus, aber wir hatten überhaupt keine Kontrolle darüber. Die haben kurz vorher schon eine Collection veröffentlicht, über die wir überhaupt nicht glücklich waren, weil die gleichen Songs drauf waren, bloß mit einer anderen Verpackung. Wie hieß die gleich noch mal? [Er meint "Up Around The Bend... The Definitive Collection"]
Da waren ein paar Demos und Outtakes drauf, die wir so nie veröffentlich hätten. Die hätten uns wenigstens hören lassen können, wie das Remastering klingt.
Aber gut, sie haben die Rechte. Tja. Der ursprüngliche Deal war mit Castle Records und Sanctuary hat Castle übernommen. Eine weitere hostile takeover... [wer es nicht weiß, das bedeutet "feindliche Übernahme"]. David Krebs, unser amerikanischer Manager, hat das irgendwie gemacht und ich kann nicht genau sagen, was in dem Vertrag eigentlich drin steht. Stell Dir vor: Wir haben einen amerikanischen Manager und keine Chance rüber zu gehen und daraus Nutzen zu ziehen.
HoR: Auf der neuen Platte ist diese Phil Lynott Nummer...
M.M.: Dear Miss Lonely Heart! Das ist von seinem Album "Solo In Soho" [1980]. Da sind fantastische Songs drauf, speziell King's Call, der Titelsong und eben Dear Miss Lonely Heart. Lynott hat auf der Platte auch ein wenig experimentiert. Ich liebe Phil Lynott schon immer und als ich mal wieder gelangweilt hier in Turku rumsaß, fragte mich eine befreundete THIN LIZZY-Coverband namens COLD SWEAT, ob ich mal wieder mit ihnen jammen würde. Wir haben dann Songs wie Johnny The Fox Meets Jimmy The Weed und Killer On The Loose gespielt und die Jungs haben mich gefragt, ob ich mit ihnen ins Studio gehe. Da sind wir dann auch gelandet und haben aufgenommen. Das hab ich dann Andy vorgespielt und er meinte "wow, bist das wirklich du?", ... wart mal, meine Katze sitzt grad auf dem Telefon und versucht aufzulegen..., und dann haben wir mit HANOI ROCKS diese Sachen, speziell Dear Miss Lonely Heart, selber gespielt. Da ist übrigens Lacu, unser Drummer, nicht dabei, das hat ein Typ namens Eepo Mänty-Sorvari mit uns eingespielt. Es ist ein Tribut an Phil Lynott, das hatten wir vorher nie gemacht, obwohl Lynott einer unserer absoluten Favoriten über all die Jahre war. Der war einer der coolsten Typen im Rock & Roll und ich glaube, dass unsere Version ganz gut gelungen ist.
HoR: HANOI ROCKS und Michael Monroe waren auf ihre Art immer authentisch...
M.M.: Keine Kompromisse, kein Bedauern für irgendwas, yes! Ich hätte vielleicht auch schnell reich und berühmt werden können, aber könnte ich mich dann noch im Spiegel anschauen und gut schlafen?
HoR: Wie schwer ist es, als Musiker 2006 noch aufrichtig und authentisch zu sein?
M.M.: Du musst auf manche Dinge verzichten. Das sind aber nur materielle Sachen. Wenn du auf Luxus und Komfort stehst, musst du den anderen Weg gehen. Es ist nicht immer ganz einfach, aber für mich gibt's keine andere Chance, ich fühle mich einfach besser so als anders. Wobei ich nun wirklich nicht zwangsläufig erfolglos, unbekannt und arm sein muss! Jeder will doch Erfolg haben.
HoR: Fühlt man sich nicht in gewisser Weise betrogen, wenn man sich den heutigen bzw. neuerlichen Erfolg gewisser Bands aus Amerika anschaut?
M.M.: Ach, good luck to all of them... haha. Ich will es mal so sagen: Wir haben auf die eine oder andere Weise vielleicht 10 Millionen Fans erreicht. Und 10 Millionen Fans können nicht alle falsch liegen. Auch wenn wir nie die megaerfolgreiche Band waren und nicht so viele Platten und Tickets verkauft haben wie andere, vielleicht hätten wir es schaffen können, aber wir haben ja auch was erreicht, oder.
Du sprichst speziell auf die so genannten "L.A. Hair-Bands" an? Die kommen mir heutzutage, also Jahre später, einfach lächerlich vor. Dagegen klingen wir schlichtweg zeitlos.
HoR: Irgendwelche Pläne, es noch mal in Amerika zu versuchen?
M.M.: Nicht zu versuchen... es zu tun wäre besser ausgedrückt. Da muss ich aber vorausschicken, dass Andy erst gewisse Dinge regeln muss, um wieder ein Einreisevisum für die U.S.A. zu bekommen. Da sind so Sachen vorgefallen... in der Vergangenheit... grundsätzlich würden wir gerne beenden, was wir damals da drüben begonnen hatten. Also was wir begonnen hatten, bevor Razzle bei diesem Unfall starb. Wir werden das tun, wenn die Dinge geregelt sind. Yeah, wir wollen nach Amerika., aber dafür brauchen wir eine faire Chance.
HoR: Und wie schaut es für die europäischen Festivals im Sommer 2006 aus?
M.M.: [klingt wieder ziemlich genervt] Wir suchen noch immer den richtigen Mann, der uns da wirklich helfen kann. Natürlich würden wir gerne Festivals in Deutschland spielen, es gibt auch ein paar Gespräche, aber... nein, ich rede jetzt noch nicht darüber. Rockpalast oder sowas wäre natürlich cool. Da können dich viele Leute sehen. Wenn Du jemanden kennst, der uns haben will: Schick mir ne Email!
HoR: Um die nächste Frage wirst Du wohl nie herumkommen. Wie denkst Du heute über den Unfall und Vince Neil?
M.M.: Du meinst, ob es da noch irgendwelche Animositäten gibt, auch zwischen den Bands? Ich habe ihn nie dafür angeklagt, ich meine, du kannst nicht jemanden für einen verdammten Unfall anklagen. Andy hat wohl in der Vergangenheit das eine oder andere dazu gesagt, auch dass Vince sich nie entschuldigt hätte. Ich halte das für Bullshit. Der Mann hat die Hölle auf Erden, weil er damit leben muss. Es ist ganz bestimmt nicht leicht, jemanden auf dem Gewissen zu haben. Sicher denken viele, dass er viel zu billig weggekommen ist, mit ein paar Tagen im Knast, aber bitte, ich bin nicht die Organisation für Bestrafungen, dafür sind andere zuständig, von mir aus auch Gerichte...
Es war ein Unfall. Die Umstände waren so, es war nicht zu ändern, traurig, tragisch. Es war ein Unfall...
Nein, es gibt keinen Trouble zwischen uns und MÖTLEY CRÜE. Wir haben die Band deswegen verloren und die einzige Sache, die uns wirklich verletzt hat, war diese Compilation "Music To Crash Your Car". Das ist wirklich geschmacklos und gibt der Sache noch mal einen späten, schlechten Beigeschmack.
[Von dieser Geschmacklosigkeit gibt es sogar "Vol. 1" und "Vol. 2" aus den Jahren 2003 und 2004; Red.]
Der einzige Grund zur Bitterkeit war für mich wirklich, dass ich die Band verloren habe, ich wollte nie ein Solosänger sein. Aber jetzt haben wir HANOI ROCKS wieder und ich bin darüber glücklich. Alles andere sind Dinge aus der Vergangenheit. Ich klage niemanden an und möchte auch nicht von anderen angeklagt werden, schon gar nicht für einen Unfall.
[Einen kleinen Nachsatz über eine Bemerkung von Nikki Sixx über Andy McCoy werden wir hier und niemals veröffentlichen, auch wenn Michael ihn lustig findet. Red.]
HoR: Noch eine Frage zur Vergangenheit. Für "Two Steps From The Move" [1984] hast Du einige Songs zusammen mit Ian Hunter geschrieben.
M.M.: Yeah! Ian Hunter ist eines meiner großen Idole, seit ich ein kleiner Junge war. Ich hab ihn immer geliebt.
Es war eine große Ehre für uns, mit ihm zu arbeiten. Eigentlich wollten wir ihn schon als Produzenten für das vorherige Album "Back To Mystery City" [1983], aber er war nicht interessiert, so dass wir dann bei Dale Griffin und Overend Watts von MOTT THE HOOPLE landeten.
Als wir für "Two Steps From The Move" für einige Backing Tracks in New York im Studio waren, rief Bob Ezrin [der legendäre Produzent von einigen Dutzend Millionensellern; Red.] Ian Hunter an, weil er mitbekommen hatte, dass wir große Fans von ihm und MOTT sind und vielleicht ein wenig Hilfe bei den Lyrics gebrauchen konnten. Ian hat ein paar Tracks mitgenommen und kam dann mit der Idee zu Boulevard Of Broken Dreams. Die Nummer hat eine wundervolle Doppelbedeutung: Die Kids meinen vielleicht, dass es ein Liebeslied wäre, aber in Wirklichkeit ist es ein Song über Kokain. Ian hat es unglaublich smart umschrieben.
Der andere Song war, oh Gott, welcome to the ocean, welcome to the sea, welcome to the jungle... Underwater World natürlich. Andy hatte den Namen, aber Ian hat die Lyrics geschrieben. Bob Ezrin hat auch an einigen Songs mitgeschrieben. Na ja, die Zeile "Welcome to the jungle" landete ja schlussendlich bei GUNS N' ROSES. Axl hat mir mal erzählt, dass er die Zeile nicht verwenden wollte, weil er dachte, dass sie uns gehört, aber dann hat er es als Graffiti an einer Wand gesehen und es als "Public Domain" betrachtet.
Es gibt ja auch Paradise City und unser Back To Mystery City. Er hat uns nie um Erlaubnis gebeten, warum auch, im Grunde ist es ein Kompliment und schmeichelhaft für uns. Ich hab damit natürlich kein Problem.
Anyway, Ian Hunter ist wirklich ein ganz Großer für mich. Als ich später in New York lebte, wurden wir richtige Freunde. Auf meinem ersten Soloalbum ["Nights Are So Long" von 1987; Red.] spielte er dann Piano. Die Platte wurde damals nur in Japan und Skandinavien veröffentlicht und war sozusagen mein "international demo", weil mich Polygram deswegen für die zweite Platte "Not Fakin' It" unter Vertrag genommen haben. Auf der Scheibe hat Ian bei She's No Angel Piano gespielt [was wiederum ein Cover der göttlichen HEAVY METAL KIDS war; Red.].
Little Steven [Steven Van Zandt aus der E-STREET BAND von Springsteen; Red] hatte für mich den Song While You Were Looking At Me geschrieben, ein fantastischer Rock & Roll Song, und Ian fragte mich, ob ich den Song machen wolle. Ich sagte "natürlich nehme ich den Song auf, Little Steven hat ihn für mich geschrieben, bitte, das ist großartig", da "schnauzte" er "well, wenn du das machst, brauch ich gar nicht damit anfangen".
Ian hat die Nummer dann mit Mick Ronson, also in der HUNTER/RONSON BAND, live gespielt. Als sie für das "Yui Orta" Album getourt sind, das damals ebenfalls bei Polygram erschien, traten sie auch in London auf und wollten, dass ich mit ihnen live spiele. Aber ich musste an dem Abend eine Fernsehshow machen und konnte leider nicht. Von der Show gibt es ein Bootleg und Ian hat tatsächlich erwähnt, dass es ein Song von mir ist und dass Little Steven ihn für mich geschrieben hat. Cool, oder?
[Der Song ist auf der 2000er Live-Compilation "Missing In Action" und einer mir unbekannten weiteren Compilation namens "Standing In The Light" von 2004 dokumentiert; Red.]
Mich hat das damals umgehauen, "wow, Ian Hunter spielt einen Song von mir!". Ich glaube, der Song hat ihn inspiriert Women's Intuition zu schreiben und ich finde das so geil, so einem Künstler etwas zurückgeben zu können.
1993 habe ich dann mit Little Steven 10 Wochen lang jeden Montag, ein furchtbarer Tag für Konzerte in New York übrigens, im Cat Club, ach, damals hieß er schon The Grand Club, gespielt. Das war mit der Band DEMOLITION 23 [mit Jimmy Clark, ex-BLONDIE, und Jay Hening; Red] und wir hatten jeden Montag einen "Special Guest" auf der Bühne. In der ersten Woche war das Joey Ramone von den RAMONES. Nach ein paar Wochen kam Ian auch auf die Bühne und wir spielten Once Bitten Twice Shy, All The Young Dudes und Roll Away The Stone. Das war unbeschreiblich für mich.
Ähm, ich hoffe Du magst Ian?
HoR: Natürlich!
M.M.: Glück für Dich! Seine letzte Platte "Rant" ist doch großartig, oder? Die davor, ähm, die mit Michael Picasso, ach natürlich, "The Artful Dodger", die ist auch genial.
HoR: Kennst Du seine aktuelle DVD "Just Another Night"?
M.M.: Oh shit, die muss ich mir sofort kaufen!
Weißt Du, was er gesagt hat, als ich ihn für sein Pianospiel auf meiner ersten Platte bezahlen wollte? "Just buy me a dinner" hat er gesagt!
Letztendlich sind wir dann bei ihm zuhause gelandet, er hat ein riesiges Dylan-Poser an der Wand, und haben uns was bei einem Inder bestellt. Ian liebt indisches Essen, und am Schluss hat er alles selbst bezahlt. He's the coolest, he's so fucking great! Ein total netter Typ und wirklich super cool, einer der allergrößten im Rock & Roll.
HoR: Michael, ich danke Dir ganz herzlich und hoffentlich sehen wir Dich dieses Jahr in Deutschland!
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