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Aren Emirze

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"Uns gibt es immer noch und Guano Apes gibt es nicht mehr"

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Aren Emirze - Harmful Am Rande der Nois-O-lution-Party im Kreuzberger Kato hatte ich Gelegenheit, mit dem Sänger, Gitarrist und Mastermind Aren Emirze von HARMFUL ein kurzes Interview zu führen. Wie sich herausstellte, ist Aren ein sehr sympathischer, selbstbewußter Mensch, dem sehr wichtig ist, was er macht und wo er herkommt.

Home of Rock: Hallo erstmal in Berlin. Ihr habt gerade die neue Platte draußen, "Sis Masis". Ich finde, das ist eine absolute Weiterentwicklung für Euch. Vielleicht willst Du ein bißchen erzählen über die Platte?
Aren: Ja, das ist eine Platte, die uns selber überrascht, immer noch, dass wir mit der sechsten Platte diesen Sprung geschafft haben, alles so zu vereinen und uns aus diesem Noise-Lager irgendwie zu entfernen, obwohl wir immer noch hundert Prozent dazugehören und die Fundamente immer noch zu hören sind auf der Platte. Wir sind immer noch eine anstrengende, krasse Band, aber wiederum eingängiger geworden und doch zugänglicher. Also es ist alles kompliziert, aber am Ende doch einfach.
HoR: Ihr habt ja den Kurt Ebelhäuser als Produzenten genommen...
Aren: Genau...
HoR: ... wie kam es da zum Kontakt? Über BluNoize? (das Label von Guido Lucas, das schon sowohl HARMFUL als auch Ebelhäusers BLACKMAIL bzw. SCUMBUCKET produziert hat)
Aren: ... über BluNoize, und Kurt und ich sind auch schon länger befreundet, wir wollten schon immer, er hat ja bei "Wromantic" ein bißchen mitgemacht, damals und danach kam es irgendwie nicht dazu, weil er auch mit BLACKMAIL viel zu tun hatte und bei uns hat es einfach vom Timing her nicht gepaßt. Bei der letzten Platte war es mir sehr wichtig, mit ihm zu arbeiten und er wollte auch unbedingt mit HARMFUL etwas zu tun haben, also die Platte produzieren, weil er im Gefühl hatte, dass er etwas dazu beitragen kann, die Platte als wirklichen Schritt nach vorne zu etablieren. Und diese Zusammenarbeit hat dabei wirklich geholfen und dazu beigetragen, dass wir eine sechste Platte aufgenommen haben, die so klingt wie die erste.
(Also er meint, sie klingt als wäre es ihre erste, sie klingt nicht wie die erste von HARMFUL)
HoR: Man sieht es auch schon am Cover... es ist ein bißchen so...
Aren: Aufbruchstimmung...
HoR: ... ja, etwas anderes, etwas Neues, aber es paßt. Die Platte ist wirklich spitzenmäßig und wird Euch in der öffentlichen Anerkennung ein bißchen vorwärts bringen.
Aren: Ja, es wird ein bißchen dauern, aber ich glaube auch, dass es ... an der Platte führt kein Weg vorbei, das habe ich so im Gefühl, also wenn du Gitarrenrock magst, dann mußt du dir die Platte mal anhören. Gerade wenn du sagst, ich bin Rockfan und ich höre gerne die QUEENS OF THE STONE AGE und bin nicht zufrieden mit der neuen QUEENS OF THE STONE AGE, dann kauf dir die neue HARMFUL und dann bist du wieder glücklich.

HoR: Ein bißchen finden sich ja auch Deine armenischen Wurzeln darin wieder. Wie kam das und wie genau hast Du das angepackt?
Aren: Das ist so, dass ich in Armenien war, im letzten August, mit meinem Bruder, und das erste Mal dieses Gefühl hatte "hey, Mann, du hast schon fünf Platten herausgebracht und hast eigentlich dieses Privileg nicht genutzt, um einfach von dieser Tragödie zu berichten, von der du selber auch betroffen bist". Dieser Schritt ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Schritt für uns gewesen, den wir diesmal auch umgesetzt haben und vielleicht ist es der Anfang von einer längeren Geschichte.
Zum Background ist es so, dass die Armenier 1915 von den Türken massakriert wurden und bis heute wird es von der türkischen Regierung nicht anerkannt, dass so etwas passiert ist. Und was wir wollen ist einfach die Wahrheit, weil jeder Armenier der morgens aufwacht, hat diese Lüge vor Augen. Es ist einfach wichtig, auch für das Zusammensein von Armeniern und Türken, weil die Türken heutzutage, die können ja nichts dafür. Aber man sollte mit seiner Vergangenheit ehrlich umgehen und nicht versuchen etwas zu kaschieren, weil am Ende siegt die Wahrheit. Und dann ist die Schmach um so größer. Darum lieber selber darauf kommen, als am Ende dazu gezwungen zu werden. Sprich: EU-Beitritt.

HoR: Mit wem würdet Ihr denn gerne mal auftreten? SYSTEM OF A DOWN wäre ja naheliegend...
Aren: Ja, natürlich. Ich kenne die Jungs ja, wir haben schon damals miteinander geredet gehabt, weil für einen Armenier ist es immer etwas besonderes, mit anderen Armeniern zu reden, weil uns dieses Schicksal auch verbindet, es gibt nicht viele Armenier. Und die, die da sind, versuchen so gut wie möglich zusammenzuhalten. SYSTEM OF A DOWN respektiere ich, ich mag auch die Musik sehr, es wäre schön mit denen zusammen zu spielen. Aber wir haben eigentlich schon mit all unseren Lieblingsbands zusammen gespielt, UNSANE, PRONG, SLAYER, so von unseren Jugendtagen. Vielleicht noch BLACK SABBATH, wenn wir das noch hätten...
HoR: ... wäre ja jetzt wieder möglich...
Aren: (Gelächter) ... ja gut, aber nicht so realistisch...

HoR: Gibt es irgendwelche aktuelle Musik auf die Du gerade stehst?
Aren: Das ist zur Zeit sehr schwer, etwas zu finden, das dich vom Hocker reißt. Die Bands, die gut sind, so wie QUEENS OF THE STONE AGE oder THE MARS VOLTA, wenn du die ganze Platte hörst, irgendwie ist so ein fader Beigeschmack dabei. Du merkst, gerade bei THE MARS VOLTA, dass da viel Hype, Szenehype dabei ist, dass die Typen sich einfach gut präsentieren und dadurch blind Käuferscharen hinter sich her ziehen. Die Band ist gut, aber irgendwie überbewertet, und es ist einfach keine Überraschung, großartig. Und QUEENS OF THE STONE AGE... eine geniale Band, aber auch keine Überraschung mehr. Was wir wollen, ist, dass wir überrascht werden, das Unerwartete eintritt. Das wagen sich zu wenige Bands, weil jeder den Erfolg, den er mit der vorigen Platte hatte, nicht wieder weggeben will und deswegen nicht den Mut entwickelt, sich weiterzuentwickeln. Und dadurch, dass wir jetzt nicht den großen Erfolg hatten, weil wir zwischen den Stühlen waren, war für uns dieser Schritt nicht so schwer, weil wir nichts zu verlieren hatten.
HoR: ... bei der "Sanguine"-Tour im Knaack waren es, glaube ich, 30 Leute...
Aren: Nein, fünfzig waren es, das weiß ich noch, weil ich die Abrechnung gemacht habe (Gelächter). Aber es fühlte sich an wie zehn. Es war eine ganz komische Atmosphäre.
HoR: Wie schafft man es als Musiker dann, sich zu motivieren?
Aren: Liebe zur Musik. Nie vergessen, warum du angefangen hast, Musik zu machen. Wenn du das dann vor Augen hast, dass du eigentlich schon sehr viel erreicht hast... Das ist ja das Problem, dass viele Leute vergessen haben, dass sie schon sehr viel erreicht haben und sich dann demotivieren lassen, wenn sie in Berlin vor 50 Leuten spielen. Aber ich habe mir gedacht: Wir haben im Pfadfinderheim 1993 angefangen und spielen in Berlin und fünfzig Leute zahlen 13 Euro, ja was willst du... das ist doch geil. Dadurch schaffst Du es natürlich dich aufzubauen und hast dadurch die Kraft weiterzumachen.
Und wie man jetzt bei "Sis Masis" sieht, hat sich das auch gelohnt. Wir haben jetzt eine Platte gemacht, wo ich sicher bin, dass mit der Zeit die sich verbreiten wird, zwangsläufig. Ein Freund gibt es dem anderen, der andere gibt es dem. Das wird nicht von heute auf morgen passieren. Das schöne ist: Es ist eine weiche Scheibe, aber sie hat auch Härte und es trauen sich ja viele Menschen nicht mehr, hart zu sein. Und wir haben die Härte so verpackt, dass die Leute harte Musik hören, aber gar nicht realisieren, dass es hart ist. Und live, ihr werdet es heute hören, sind wir immer noch zehn Mal härter.

HoR: Kennst Du Bands aus dem hessischen Raum, wo Du sagen würdest, denen würde ich den Durchbruch gönnen?
Aren: Äh (längere Pause), es gibt einige Bands... Durchbruch gönnen ist so eine Sache... vielleicht wenn sie denn Durchbruch haben, sind sie unglücklicher, darum... Also mir gefallen einige Bands, FREEZEEBEE (das wollte ich ja nur hören) und so einige Frankfurter Bands.
Natürlich wäre es schön wenn der Durchbruch kommt, aber wenn nicht, ist es auch ok. Genauso wie wir damit leben. Wir sagen uns, wir sind sehr glücklich mit der neuen Platte und das was kommt, kommt. Wenn es nicht so kommt, soll es halt nicht so sein, vielleicht wären wir dann irgendwann mal auf einem Konzerttrip nach Hamburg in die Sporthalle verunglückt. Darum ist dieser Durchbruch nicht gekommen, dass wir weiter Independent-Musik machen.

HoR: Was sagst Du zum derzeitigen Musikbusiness?
Aren: Tja, was soll ich sagen, wir sind ein Teil davon, darum muß ich mich zwangsläufig damit auseinandersetzen, dagegen ankämpfen. Aber ich glaube, ich gehe damit besser um als noch vor zwei, drei Jahren, wo ich mir alles sehr zu Herzen genommen habe. Jetzt sehe ich es mehr so: Es liegt sowieso nicht in deiner Hand, egal was passiert. Du kannst auch nicht mit Geld etwas erzwingen, was nicht sein soll.
HoR: Das letzte Mal im Knaack hast Du ja einiges gesagt zu den Castingshow, aber das Thema hat sich ja mittlerweile auch erledigt...
Aren: Ja, das war auch klar, dass das nicht funktionieren wird.
HoR: Ich denke auch, das ist ein Gesundschrumpfen. Die ganz großen Labels brechen ein bißchen weg und das ist eine Chance für die kleineren Labels, sich wirklich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Aren: Das ist richtig. Ich bin auch sehr glücklich darüber, dass Gerechtigkeit überall waltet. Es ist soweit, dass man bei Bands wie JULI, die jetzt sehr viel verkaufen, irgendwie im Gefühl hat, dass das nicht von Dauer sein kann, sondern dass du im Prinzip langsam und stetig länger existieren kannst, wie wenn du innerhalb von zwei Jahren hundert-, zweihundert-, dreihunderttausend Platten verkaufst und dich nach fünf Jahren auflöst.
Wir haben angefangen und haben viele Bands rauf und runter gehen sehen, die haben hunderttausende von Platten verkauft, sind wieder abgestiegen und haben sich aufgelöst. Und in dieser kurzen Zeit des Hochgehens denkst du als Band "oh Mann, wie geil wäre das, wenn du das auch mal schaffen könntest, auf existentieller Ebene". Aber dann, jetzt im Nachhinein sage ich, uns gibt es immer noch und GUANO APES gibt es nicht mehr, zum Beispiel. Also: Wer ist die glücklichere Band, HARMFUL oder GUANO APES? Ich glaube HARMFUL. Wir können noch auf der Bühne stehen und gemeinsam Musik machen...

HoR: Bei Nois-O-lution seid Ihr ganz gut untergekommen, denke ich...
Aren: Ja, sehr. Wir sind sehr glücklich mit Arne, weil er nicht auf materielle Ebene setzt sondern auf menschliche Ebene, das ist Manpower. Arne setzt sich mit seinem Geist und seinem Wesen ein und versucht nicht, wie viele Plattenfirmen, diese Schwäche, die Plattenfirmen haben, die Manpower-Schwäche durch Kohle zu kompensieren. Er versucht halt zu sagen, ich habe nicht das Geld, aber ich habe meine persönliche Kraft um Bands durchzuboxen. Natürlich, ohne Geld geht nichts, aber die Mischung macht's.

HoR: Heute abend ist ein richtiges BluNoize-Festival (GENEPOOL hat ja Guido Lucas und Thilo Schenk von BluNoize dabei), zumindest ex-BluNoize.
Aren: Ja, das ist richtig. Wir waren die erste Band bei BluNoize. Ich bin auch froh, dass der Guido heute da ist, alles super.

HoR: Willst Du noch etwas loswerden, ein spezielles Statement an unsere Leser?
Aren: Geht ins Internet (äh, unsere Leser sind bereits drin) und schreibt in Google "Armenien" rein und lest ein bißchen darüber.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an Arne von Nois-O-lution, der das Interview ermöglicht hat.

Ralf Stierlen, (Impressum, Artikelliste), 26.03.2005

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