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Ein Interview mit dem irischen Singer/Songwriter und Rockgitarristen
Die Liste derer, denen der "einzige Ire beim Woodstock Open Air", mit seinen Saitenkünsten auf Gitarre und Mandoline aushalf, ist ellenlang: Angefangen bei diversen namenlosen Tanzmusikbands über (eigene) Band-Projekte wie EIRE APPARENT, GREASE BAND, SPOOKY TOOTH und WINGS bis hin zur Sessionarbeit für zahllose SolokünstlerInnen wie z. B. Joe Cocker, Frankie Miller, Donovan oder Andy Fairweather-Low.
Seine Solokarriere verlief allerdings nicht sonderlich erfolgreich: So manche Platte kam zur falschen Zeit, litt unter Produktionsmängel oder wurde einfach schlecht promotet. Gleichwohl lässt sich der alte Rockhaudegen nicht unterkriegen.
Roland Schmitt befragte ihn, der seit Jahren wieder zurückgezogen in seiner nordirischen Heimat lebt, zu einzelnen Stationen seines bewegten Lebens.
Home of Rock: Erzähl' mir was über Deinen familiären Hintergrund. Mit welcher Musik bist Du aufgewachsen?
Henry McCullough: Ich wuchs mit Elvis, Jerry Lee Lewis und Fats Domino auf, hörte Chuck Berry, Hank Williams und all die Großen des Rock'n'Roll, das gleiche was jeder aus jener Zeit mochte, wie die BEATLES, STONES usw. Eine große Zeit für Rock'n'Roll und eine große Einführung und inspirierende Zeit - Rock on!
HoR: Was hast Du gemacht, bevor Du Profimusiker wurdest? Welche Art von Musik hast Du in jenen Tagen gemocht?
HM: Ich spielte in Skiffle-Gruppen und hing mit Freunden herum, spielte Gitarre, musikalisch aber nix Ernsthaftes; bis ich von Zuhause mit 17 abhaute, um als Musiker meine Brötchen zu verdienen. In den frühen 60ern hörte ich BEATLES, viel Blues und natürlich Dylan. Es war ein völliger Wandel, denn ich spielte Pop und Country Music in Showbands, die alle möglichen Sorten von Musik coverten, sogar Cabaret, Music Hall aus den 30ern. Es war eine großartige Zeit, und ich lernte 'ne Menge mit diesen verschiedenen Stilen.
HoR: Kannst Du die Musikszene in Deiner Heimatstadt (Portstewart) bzw. in Nordirland in den frühen 60ern beschreiben?
HM: Irgendwie war alles anders in dieser Zeit. Die einen spielten in Showbands, die anderen, gerade in englischen Bands, ließen sich die Haare lang wachsen usw. Ich bemerkte, dass Showbands nichts mehr für mich waren. Ich spielte Musik, die sehr eingeschränkt war, und ich wollte halt mitmischen in der musikalischen und kulturellen "Revolution". Ich bekam einen Anruf von Chris Stewart, der einer Band in Blackpool (England) angehörte, und sie spielten Soul Music (Otis Redding, Wilson Pickett usw.), vermischt mit Blues und Rock. Also ergriff ich die Chance, verließ die Showbands, ging nach England und dachte nie an die Konsequenzen. Fünf Jahre lang zuvor spielte ich bei Showbands, machte ordentliches Geld und landete schließlich in Blackpool. Es war auch 'ne klasse Zeit. Die Band, oder ich sollte besser "Gruppe" sagen, nannte sich THE PEOPLE. Und aus dieser Gruppe entwickelte sich EIRE APPARENT. Alsbald wurden wir von Chas Chandler, Jimi Hendrix' Manager, unter Vertrag genommen, und wir bestritten etliche Tourneen mit Jimi, den ANIMALS (mit Eric Burdon). Chas war der Bassist der ANIMALS gewesen. Wir tourten durch ganz Amerika, das war so um 1967 - Flower, Power & Peace.
HoR: Wie lief es denn so bei EIRE APPARENT?
HM: Ich wurde letztlich gefeuert bzw. "ausgemustert" bei EIRE APPARENT wegen eines kleinen Joints. Schlecht fürs "Image", dass das Management für die Gruppe geschaffen hatte, was mir fremd war. Tja, ich war tatsächlich das "schwarze Schaf" der Gruppe. Man gab mir ein one-way-ticket zurück nach Irland, wo ich Johnny Moynihan und Terry Woods traf, von einer traditionellen Gruppe namens SWEENEY'S MEN.
HoR: Die SWEENEY'S haben ja längst Kultstatus für den britischen Folkrock erlangt. Welche Rolle spielte denn Irish Folk überhaupt für Dich? Und warum scheiterte die Neuauflage Mitte der 90er?
HM: Ich hatte immer alte traditionelle Lieder und Instrumentals gehört, meine Mutter sang oft diese alten Lieder. Folglich waren mir diese Irish Folk Songs sehr wohl vertraut. Ich lernte 'ne Menge und hatte Spaß in der akustischen Szene, auch an diesem kompletten Wechsel. SWEENEY'S MEN versuchten was Neues in der irischen Musik: die elektrische Gitarre mit Mandoline, Bouzouki, Akkordeon usw. Sechs Monate hatte ich das gemacht, doch dann veränderten sich die Dinge, und ich wollte wieder zurück zum Rock'n'Roll. Ich hörte, dass Joe Cocker einen Gitarristen suchte, traf ihn und stieg bei Joe Cocker & THE GREASE BAND ein.
Wir sollten ein Reunionkonzert machen als SWEENEY'S MEN, nur für 'ne Radioshow. Es war 'elektrisch', bad vibes beeinflussten die Musik - es war ein Desaster.
HoR: So kamst Du also zur GREASE BAND. Welche Erinnerungen hast Du an das "Woodstock Festival"? Stimmt es, dass Du und Joe mal mit abgeschlagenen Flaschen aufeinander los seid?
HM: Mit Joe tourten wir die ganze Zeit, und was "Woodstock" betrifft, das spielte sich folgendermaßen ab: Wir sind mit einem Hubschrauber zu dem Gelände geflogen, zogen den Gig durch und flogen wieder raus; also haben wir uns da nicht allzu lange aufgehalten. Es war ein großartiger Gig - den hast Du vielleicht mal in dem "Woodstock"-Film gesehen.
Also: Es ist völlig unwahr, dass Joe und ich eine tätliche Auseinandersetzung mit Flaschen hatten! Ich hab' davon (Pete Frame hatte in seinem Cocker-"family tree" den damaligen Pianisten Jim Karstein zitiert, der einen Kampf zwischen den beiden beobachtet haben wollte) zuvor nie gehört, und ich wundere mich, woher diese Gerüchte stammen.
HoR: Ich finde, die GREASE BAND war 'ne tolle und außergewöhnliche Truppe. Warum habt ihr nie wieder einen Reunionversuch gestartet?
HM: Der Grund, warum die GREASE BAND nie reformiert wurde, war der Tod von Alan Spenner (August 1991), dem Bassisten. Und es hätte wenig Sinn gemacht, denn er war ein sehr wichtiger Teil der GREASE BAND. Ich bin in der Tat gefragt worden, aber es ist alles so lange her, und jeder von uns wandte sich verschiedenen Dingen zu. Die mir liebste Phase nebenbei!
HoR: Welche Erinnerungen hast Du an die WINGS-Zeit?
HM: Mit den WINGS war es so völlig anders, gleichwohl war es wiederum eine fantastische Zeit, "Liyos" - Lear Jets (kleine Charterflugzeuge) - und Paul ist ein echter Gentleman und ein großartiger Musiker. Ich lernte 'ne Menge mit ihm. Ich wünschte, es könnte anders gewesen sein. Du hast ja vielleicht in dem "Wingspan"-Video die WINGS-Ära gesehen, und ich denke, die erste WINGS-Besetzung war die Beste, und Paul denkt wohl ähnlich. Er stellt nun fest, dass es nicht nur Paul McCartneys Band war, sondern eine Gruppe im echten Sinne.
HoR: 1975 hast Du Deine erste Solo-LP mit vielen namhaften Musikern eingespielt. Wie kam's dazu, dass Steve Marriott beim Titelsong mitsingt? Hattest Du näheren Kontakt zu ihm?
HM: Ich nahm mein erstes Soloalbum "Mind Your Own Business" in den WHO-Studios in Battersea bei London auf. Ich erinnere mich, dass Steve Marriott gemeinsam mit Alexis Korner die Backing Vocals sang. Ich lernte Steve nie richtig näher kennen. Er und Alexis kamen einfach so vorbei. Folglich war es eher ein Zufall, dass sie im Studio waren.
HoR: Nach Deiner Sessionarbeit für Carol Grimes und Roy Harper (neben anderen) stiegst Du bei Ronnie Lanes backing Band ein. Wie hast Du ihn kennen gelernt? Was war er für ein Typ?
HM: Ich traf Ronnie Lane, als die GREASE BAND mit den FACES (1971) durch die USA tourte. Wilde Zeiten. Durch dieses Touren wurden wir Freunde, und als die GREASE BAND auseinanderbrach, kamen wir zusammen, um Platten aufzunehmen und zu touren. Ein großartiger Mensch, und er wird - wie Steve - immer im Rock'n'Roll vermisst werden.
HoR: In den 80ern hast Du diverse Alben auf dem deutschen "Line"-Label veröffentlicht. Eines hattest Du mit den legendären BROTHERS OF THE NIGHT eingespielt. Folglich musst Du was für Country & Western übrig haben, speziell für Hank Williams. Für Deine "Live"-CD übernahmst Du Steve Marriotts OFFICIAL RECEIVERS. Wie kamst Du denn an sie?
HM: Nun: In der Tat, ich liebe Country Music, und Hank war ein Held von mir.
Was die OFFICIAL RECEIVERS betrifft, die lernte ich durch meinen Freund Jim Leverton, der den Bass in der Band spielte, kennen. Also war es wieder durch Zufall, dass diese Live-CD mit ihnen entstand. Es ist das Album, das ich am wenigsten mag. Falsche Leute im Management. Mein Kopf war irgendwo anders. 'Ne schlechte Zeit, und Gott sei dank nun vorbei.
HoR: Warum bist Du nach Irland zurückgekehrt und hast Dich auch noch fernab musikalischer Zentren niedergelassen?
HM: Ich kam nach Irland zurück, um mit meiner Partnerin, Josie, Urlaub zu machen. Dann hatte ich, als ich hier war, einen schweren Unfall mit meiner rechten Hand. Ich trennte mir bei drei Fingern die Sehnen durch, benötigte Mikrochirurgie, und das hielt mich letztlich in Irland. Meine Karriere war praktisch beendet, aber nach eineinhalb Jahren des Leidens, der Selbstzweifel und des Alkohols gab ich schließlich definitiv das Trinken auf. Meine Liebe zur Musik übertrumpfte letztlich meine Vorliebe für "harte Sachen". Es ist gut, gesundheitlich auf dem Damm zu sein - und alt.
HoR: Es ist ja in letzter Zeit recht ruhig um Dich geworden. Seit einer Weile arbeitest Du mit einer polnischen Band zusammen. Wie bist Du an die geraten?
HM: Ich lernte diese polnische Band durch den Bruder des Gitarristen kennen, der an der "Ulster Universität" in Coleraine Mathematik lehrt. Er hörte mich spielen und regte an, doch nach Polen zu gehen und mit der Band seines Bruders zu spielen. Also machte ich mich auf und davon, ohne zu wissen, was mich erwartet, wiederum in das große Unbekannte. Es war einfach toll - unterschiedliche Kultur, dabei eine große Vorliebe für Rock'n'Roll in Polen. Ich kehre seither jedes Jahr für eine dreieinhalb wöchige Tour zurück. Sie wussten, wer ich war, und die Touren sind immer großartig, 'ne Spitzenband.
HoR: Schreibst Du eigentlich noch Lieder? Was für Zukunftspläne hast Du?
HM: Ich schreibe immer noch Songs, aber ich bin doch in erster Linie Gitarrist. Nick Lowe, Joe Cocker, Anne Briggs, SWEENEY'S MEN, sie alle haben Songs von mir gecovert; das ist schön, denn ich arbeite nicht sehr hart daran. Ich sollte mehr machen, aber - ich bin faul und gemütlich, und das ist alles Teil des Spaßes.
Ich werde im September eine neue CD (möglicherweise akustisch) aufnehmen.
HoR: Vielen Dank, Henry, dass Du uns Rede und Antwort gestanden hast.
Roland Schmitt, (Artikelliste) Juni 2001
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