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Interview

Paul Gilbert

Gitarre über alles!

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Paul Gilbert & Jimi Kidd
Paul Gilbert & Jimi Kidd - 73 KB
Paul Gilbert
Paul Gilbert - 47 KB
Discographie (Auszug):
Solo:
1994 - Hendrix Tribute
1998 - King Of Clubs
1999 - King Of Dog
1999 - Beehive Live
2000 - Alligator Farm
2002 - Raw Blues Power
Mit Racer X:
1986 - Street Lethal
1987 - Second Heat
1988 - Live Extrem, Vol. 1
1992 - Live Extrem, Vol. 2
2000 - Technical Difficulties
2001 - Superheroes
2001 - Live At The Whiskey
Mit Mr. Big:
1989 - Mr. Big
1991 - Lean Into It
1993 - Bump Ahead
1996 - Hey Man
Quelle: www.allmusic.com

PAUL GILBERT- ich weiß nicht, ob der Name jedem geläufig ist, aber eigentlich sollte er das sein. Immerhin sprechen wir von einem der herausragenden Gitarristen der letzten knapp zwanzig Jahre. Mit Bands wie BLACK SHEEP, RACER X, MR. BIG, aber auch als Solokünstler und neuerdings in Zusammenarbeit mit seinem Onkel JIMI KIDD schenkte uns Paul eine große Anzahl bemerkenswerter Songs unterschiedlichster musikalischer Couleur. Ja, Songs - und das unterscheidet Paul Gilbert von vielen Griffbrettakrobaten, die ihre unbestrittenen Fähigkeiten dazu missbrauchten uns mit egomanischen Fingerübungen zu langweilen.
Momentan ist das neue RACER X-Album "Snowball of doom" bei mir im Dauereinsatz und so war ich sofort Feuer und Flamme als Yvo Tap von Mascot Records uns ein E-Mail-Interview mit Paul vorschlug.

Home of Rock: Du hast ein neues Live-Album mit RACER X veröffentlicht, mit deinem Onkel JIMI KIDD ein Album aufgenommen und für dieses Jahr ist auch noch ein neues Soloalbum von dir angekündigt worden. Bist du ein 'Workaholic'? Findest du eigentlich jemals Zeit und Muse dich zurückzulehnen und zu entspannen?

Paul Gilbert: In letzter Zeit hab ich mich nicht viel ausgeruht. Von Zeit zu Zeit werde ich krank und muss ein, zwei Tag kürzer treten. Ich denke, wenn mein Körper es von mir verlangt, dann lege ich eine Pause ein. Ich liebe es wirklich Platten aufzunehmen. Das sind meine 'Kinder'.

HoR: Soweit ich informiert bin, habt ihr "Snowball of doom" beim ersten RACER X-Konzert seit 14 Jahren aufgenommen. Habt ihr davor wirklich keine einzige Aufwärmshow gespielt?

Paul: Wir haben etwas geprobt, aber keine spezielle Aufwärmkonzerte gespielt. Bei meinem "Beehive live" habe ich es damals genauso gemacht. Dadurch wird so etwas auf jeden Fall zu einem Abenteuer.
Bei dem RACER X-Konzert spielten wir mehrere Sets an einem Abend um sicher zu gehen, dass wir großartige Aufnahmen hatten. Wir spielten so um die drei Stunden.

HoR: Gibt es dann irgendwann ein "Snowball of doom Volume 2"?

Paul: Viele der zusätzlichen Songs sind auf der DVD und dem Video. Ich hoffe, dass sie bald in Europa erscheinen.

HoR: Die Show stieg ja im legendären 'Whiskey'. Hat der Club heute noch die selbe Bedeutung wie in den Siebzigern und Achtzigern?

Paul: Das 'Whiskey' ist immer noch sehr cool. Ich hab vor einigen Jahren dort die MARVELOUS 3 gesehen und die waren großartig.

HoR: Eins der RACER X-Markenzeichen waren deine Gitarrenduelle mit BRUCE BOILLET. In der aktuellen Besetzung ist kein zweiter Gitarrist. Gab es Überlegungen wieder einen zweiten Mann hinzuzuziehen und wenn du die freie Auswahl hättest: Wen würdest du am Liebsten nehmen?

Paul: Nur Bruce! Meine ursprünglichen Pläne mit RACER X waren auf einen Gitarristen ausgerichtet. Als ich Bruce kennen lernte, stimmte die Chemie zwischen uns einfach, menschlich und künstlerisch, so dass ich ihn bat mitzumachen. Ich bin immer noch stolz auf das was wir gemeinsam gemacht haben und wir sind immer noch dicke Freunde. Bruce nahm "King of clubs" mit mir auf und spielte bemerkenswert Gitarre mit mir zusammen bei der 20-minütigen Jam am Ende der CD. Er hat auch bei allen Stücken auf "Flying dog" mitgespielt und "Superheroes" abgemischt. Wir haben also immer noch viel gemeinsam gemacht. Er wäre mir bei RACER X jederzeit wieder willkommen, aber ich glaube er hat im Moment andere Pläne.

HoR: Verwendet ihr diese verrückten Plastikkrieger-Kostüme bei RACER X auch auf der Bühne?

Paul: Für den Auftritt im 'Whiskey' waren sie nicht rechtzeitig fertig, aber wir trugen sie auf unserer letzten Tour in Japan und Taiwan. Es war großartig. Ich liebe es mich in 'The electric bat' zu verwandeln.

HoR: Welche Idee steht hinter diesen Kostümen?

Paul: Die erste Idee, die ich für die "Superheroes-CD" hatte war der Titel. Ich hatte dann zwar immer noch keine musikalischen Einfälle, aber mir gefiel der Gedanke uns verrückt anzuziehen.

HoR: Fürchtest du nicht, dass einige Leute RACER X mit diesem lustigen Outfit nicht mehr als ernstzunehmende Rockband einstufen könnten?

Paul: Ich glaube, die Leute verstehen unseren Sinn für Humor. Ich liebe Heavy Metal, aber einiges davon ist spaßig. Es ist sehr schwer das Image, die Texte und den Lebensstil des Heavy Metal vollkommen ernst zu nehmen, zumindest seit dem Film 'Spinal Tap'. Trotzdem, die Musik werde ich immer lieben.

HoR: Viele eingefleischte Bluesfans kennen dich nur als Heavy Metal Gitarristen und vertreten die Ansicht, dass 'einer wie Paul Gilbert weder den Blues spielen noch glaubwürdig verkörpern kann'. Glaubst Du kannst sie mit "Raw Blues power" eines Besseren belehren?

Paul: "Raw Blues power" ist kein traditioneller Blues. Es ist härter, rockt und meine Einflüsse darauf sind Leute wie PAT TRAVERS, ROBIN TROWER, JOHNNY WINTER und FRANK MARINO.
(Anm. des Verfassers - also wenn unser Fredchen das liest und nicht sofort wegen eines Besprechungsexemplars beim Yvo auf der Matte steht, dann weiß ich auch nicht.)
(Anm. des Fredchens: ER steht schon!)

Ich glaube die Bluesfans werden mögen, dass alles live aufgenommen wurde und Jimi und ich einige abenteuerliche Dinge anstellen und dabei die musikalische Sprache des Blues verwenden. Ich finde auch die Rhythmsection ist wirklich gut.
Blues ist mehr als nur Gitarre zu spielen und ich bin wirklich glücklich mit dem Sound der kompletten Band.

HoR: Kannst du uns noch etwas über das geplante Soloalbum sagen?

Paul: Ich habe zu viele Ideen. Momentan schreibe ich an den Songs und versuche immer noch herauszubekommen welcher Stil für mich der Spannendste ist. Eins ist klar, es wird eine Menge abgefahrener Gitarrenpassagen enthalten. Die müssen auf jedem meiner Alben sein.

HoR: Du hast Heavy Metal gespielt, Rock und Blues... Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt ein komplettes Album mit einem Orchester aufzunehmen und etwas klassisch inspiriertes wie beispielsweise MICHAEL SCHENKER oder YNGWIE J. MALMSTEEN zu machen?
Oder kannst du dir vorstellen wie CHRIS POLLAND auf seiner letzten CD in die Jazz-Richtung zu gehen?

Paul: Ich mag nicht mit einem Orchester zusammen spielen. Dafür mag ich ein Schlagzeug viel zu sehr. Wenn ich so eine Orchester-Geschichte machen würde, dann würde ich sie mehr in der Art der BEATLES als Strukturierung in einem Song einsetzen, also nicht so eine virtuose Geschichte.
Genauso, ich bin wirklich nicht gut was Jazz angeht. Ich hab das zwar auch schon ein bisschen gespielt, aber es klang bei mir immer nach einem Rockgitarristen. Ich glaube, es gibt andere Stile, die ich noch erschließen werde, aber die muss ich erst noch erfinden.

HoR: Welches deiner Projekte genießt bei dir höchste Priorität?

Paul: Ich stecke immer meine gesamte Energie in alles was ich tue. Gerade beginne ich eine weitere Solo-CD aufzunehmen, also hat das Priorität. Danach mache ich vermutlich eine weitere RACER X-Scheibe und dann wird das wieder Vorrang haben.

HoR: Hast du Pläne in Europa aufzutreten?

Paul: Auf keinen Fall bevor diese Platte fertig und sichergestellt ist, dass sie wenigstens 11.000 Noten enthält.

HoR: 1985 hast du mit BLACK SHEEP deine erste Scheibe "Trouble in the streets" veröffentlicht. Was hältst du heute von der Scheibe?

Paul: Wow! An das Teil erinnerst du dich! Zu der Zeit war ich dabei RACER X aufzubauen und ich stieg bei BLACK SHEEP ein, weil ich ihren Drummer für RACER X wollte. Wir nahmen ein Demo auf und am Ende veröffentlichten sie es als Album.
Ich habe tatsächlich nur auf der Hälfte der Platte gespielt. Leider ist mein Gitarrensound darauf wirklich schlecht. Das war mein Fehler. Ich bestand darauf, dass sie keine Mikrophone verwendeten und direkt den Ausgang meines Verstärkers anzapften. Meine Gitarre klingt deswegen wie ein kleines summendes Insekt.
Nochmal, es war eine saudumme Idee von mir und es tut mir leid. Mir gefällt immer noch der Gedanke, dass "Street lethal" von RACER-X mein erstes richtiges Album war.

HoR: Die späten Achtziger waren die große Zeit der sogenannten Gitarrenhelden. Mike Varney präsentierte fast jede Woche einen Neuen. Was war der gravierende Unterschied zwischen diesen Typen und dir mit RACER-X? War es einfach die Tatsache, dass RACER-X eine echte Band waren und nicht nur ein Gitarrist mit ein paar Begleitmusikern?

Paul: RACER X sollten immer eine Band sein. Und wir waren eine! Es ist wirklich lässig, diese ganzen Erinnerungen wie wir uns mit der Band in der L.A.-Szene durchschlugen zu haben, und wir hatten eine verdammt gute Zeit.

HoR: Was lief damals schief mit RACER X? Die richtige Band zur falschen Zeit am falschen Ort? Warum habt ihr es nie aus dem Underground heraus geschafft?

Paul: Die Plattenfirmen haben uns nie richtig verstanden. Wir hatten keine Pophits. Wir waren durchgeknallte Metal-Kids.
Es war frustrierend, lokal so enormen Erfolg zu haben, aber wir saßen in L.A. einfach fest. So war ich natürlich brennend interessiert als BILLY SHEEHAN mich wegen einer Bandgründung kontaktete.

HoR: Womit wir ganz elegant den Schwenk zu MR. BIG geschafft haben.
Wer kam eigentlich auf die Idee mit den Bohrmaschinen bei Daddy, brother, lover, little boy?

Paul: Um genau zu sein hab ich schon bei RACER X eine Bohrmaschine benutzt, bevor wir es bei MR. BIG auch machten. Aber bei MR. BIG verwendeten Billy und ich gleichzeitig Bohrmaschinen. Das war Comedy pur!

HoR: To be with you war der größte Hit der Bandgeschichte, gab euch aber auch das Image einer Balladenband.
Man hatte den Eindruck, dass ihr mit der zugegebenermaßen gelungenen CAT STEVENS Coverversion Wild world zwanghaft einen Nachfolger präsentieren musstet.
Wäre es grundsätzlich nicht besser gewesen ein paar Alben weniger abzusetzen und sich dafür die künstlerische Freiheit zu bewahren.

Paul: Ich mochte To be with you wirklich. Ich hörte Erics Demoversion davon und bat ihn mir eine Kopie für mich privat zu machen, weil ich die Nummer einfach gerne hörte. Ich machte einige Tapes von unseren Proberaumaufnahmen für alle möglichen Leute und beschloss To be with you einfach am Ende mit dran zu hängen, um die Band zu überraschen. Am nächsten Tag fragte jeder: Was war denn das für ein Song? Der ist großartig!

Wenn uns irgendetwas unserer künstlerischen Freiheit beraubte, dann war es nicht eine Hitballade, sondern die Bandsituation wurde etwas angespannt und die Kommunikation untereinander wurde immer problematischer.

HoR: Siehst du die Möglichkeit einer MR. BIG-Reunion?

Paul: Wenn es nach mir geht, dann eher 'nein'. Glücklicherweise gibt es ja Tonnen an Live-CDs und Videos von MR. BIG, so dass jeder der möchte immer noch in der Lage ist die Band auf ihrem Höhepunkt zu erleben.

HoR: Vermisst du die großen Hallen und Stadien, die Massen von Fans, die ihr mit MR. BIG vor allem in Japan hattet?

Paul: Es war alles ein bisschen unwirklich. Natürlich, der Erfolg war enorm und er hielt die Band für eine längere Zeit am Leben als wir es ohne ihn durchgezogen hätten.
Das Wichtigste für mich ist aber, dass ich die Musik die ich liebe mit Leuten mit denen es leicht ist auszukommen spielen kann. Bei MR. BIG gab es einige starke Persönlichkeiten und es war nicht immer ganz einfach...

HoR: Themenwechsel. Ist der 'fliegende' Hund auf dem "Flying dog"-Cover eigentlich dein eigener?

Paul: Ja, das ist Vinnie. Leider ist er mittlerweile gestorben und ich vermisse ihn sehr. Er war ein bemerkenswerter Hund.

HoR: Welches der ganzen Gitarrensoli die du mittlerweile aufgenommen hast gefällt dir am Besten?

Paul: Ich kann mich an gar nicht alle erinnern. Die ersten, die mir so spontan einfallen sind Nothing but love von MR. BIG, B.R.O. von RACER X und Kate is the star vom "Flying dog"-Album.
Into the night vom aller ersten RACER X-Album ist auch ziemlich cool.

HoR: Gibst Du immer noch Unterricht am G.I.T.?

Paul: Ich habe dort von 1986 bis 1989 an drei Tagen in der Woche unterrichtet. Dann hab ich mich MR. BIG angeschlossen und war zu beschäftigt um all zu oft dort zu sein. Trotzdem schaue ich dort oft vorbei bevor ich ein neues Lehrvideo aufnehme. Ich mag es für einige Wochen zu unterrichten, einfach um wieder ein Gespür dafür zu bekommen.

HoR: Wenn du freie Auswahl hättest und die absolute Rockband zusammenstellen könntest, wer wäre wohl im Line-Up?

Paul: Es ist schwer die BEATLES zu übertreffen, oder? Die sind immer noch meine absoluten Lieblinge.
VAN HALEN in Originalbesetzung waren auch erstaunlich. Was mir wirklich Spaß machen würde wären AC/DC mit BON SCOTT und mir am Schlagzeug. Ihr Schlagzeuger ist besser wie ich, aber ich hätte sicher riesigen Spaß. Bis es dazu kommt spiele ich weiter Gitarre.

Besonderer Dank an Yvo Tap von MASCOT Records, der uns dieses Interview ermöglichte und natürlich Paul Gilbert für die ausführliche Beantwortung der Fragen.

Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), März 2002

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