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Ric Lee

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"Eine Band für die Zukunft"

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Zwischen Tür und Angel, also ganz kurz vor dem Abflug zurück nach England, am Ende der gerade gelaufenen Deutschlandtour und zu einer unmoralischen Zeit für einen Musiker, am Sonntagmorgen, konnte ich für einige Minuten mit Ric Lee, Drummer und Urgestein von TEN YEARS AFTER sprechen.

Home of Rock: Ich hab gehört, die Tour ist ganz gut gelaufen.
Ric Lee: Phantastisch, supergut. Wir hatten einfach tolle Reaktionen von den Leuten. Das ist alles sehr schmeichelhaft und direkt herzerwärmend für mich.

HoR: Ric, ich möchte jetzt eigentlich nicht mit Dir über die Vergangenheit reden. Also nicht über die "Legende von Woodstock" und die "Frühere Band von Alvin Lee".
Ric: Hahaha...
HoR: Meine Idee ist, über die Gefühle und Situation eines Mannes zu reden, der seit beinahe 40 Jahren im Musikgeschäft ist.
Ric: Na ja, wir spielen heute natürlich kleinere Auditorien als zu Zeiten von Woodstock. Aber das ist vollkommen okay, wir können heute mit den Leuten reden, die zu unseren Konzerten kommen. Das ist oft lustig, wenn Leute erzählen, dass sie uns vor siebenundzwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen haben und es ihnen heute immer noch gefallen hat. Speziell toll ist, wenn sie nicht nur uns mögen, sondern Joe Gooch, und über ihn sagen "der hat einen phantastischen Job gemacht".
Ich meine, wir spielen, weil wir es genießen zu spielen. So einfach ist das.
HoR: Ist es für Dich persönlich heute immer noch das gleiche, auf die Bühne zu gehen, oder kommt die Routine - oder gar Langeweile - manchmal durch?
Ric: Ach, ich bin immer noch nervös vor jedem Auftritt. Aber das ist dann vorbei, wenn es losgeht.
Also grundsätzlich bin ich überzeugt, dass ich heute besser Schlagzeug spiele als früher. Ich glaube, ich habe heute ein besseres Konzept auf der Bühne, und vor allem, ich übe heute besser - nicht mehr, aber besser.
HoR: Gilt das auch für Dein Songwriting?
Ric: Hm, ich bezeichne mich ja nicht unbedingt als Songwriter (was natürlich völlig richtig ist, denn bei den TYA der Vergangenheit war nunmal Alvin Lee DER Songwriter; Red.). Aber wenn ich an einem Projekt beteiligt bin, bei dem ich Songs schreiben "muss", dann gilt das ebenfalls.
Beim "Now"-Album waren wir alle am Songwriting beteiligt, ich auch, und vor allem war ich für die grundsätzlichen Marschrichtung mitverantwortlich, also dem "wo wollen wir hin". So, und "Now" steht für eine im Grunde völlig andere Richtung, als die für die TEN YEARS AFTER über all die Jahre bekannt war. "Now" klingt einfach anders. Es war schon wichtig, ein Bein - Vorsicht! - nicht in der Vergangenheit zu haben, aber in gewisser Weise in der Tradition der Vergangenheit zu haben, also schon auch das zu tun, für das TYA steht. Dieses Blues-Feeling und so weiter. Wir wollten natürlich die alten Fans nicht vor den Kopf stoßen, aber unsere Weiterentwicklung trotzdem dokumentieren.

HoR: Ihr spielt immer noch bis zu rund 100 Konzerte im Jahr. Ist es nicht inzwischen langweilig?
Ric: Nein, überhaupt nicht! Die Reiserei ist langweilig und inzwischen ermüdet es mich furchtbar. Als ich jünger war, hab ich das nicht so gespürt, aber heute wird es irgendwie immer schwieriger, hahaha.

HoR: Was ist es denn für ein Gefühl, wenn jeder Konzertveranstalter und jeder Journalist Euch als "Band aus der Vergangenheit" ankündigt, also, wie ich schon sagte, als Woodstock-Legende. Ich meine, TEN YEARS AFTER ist still alive und für mein Gefühl klingt gerade "Now" dermaßen frisch und anders, dass ich persönlich beleidigt wäre, wenn ich in jedem Artikel über meine Band dieses "Stigma" lesen müsste.
Ric: Na ja, wir sind ja nun hoffentlich wirklich noch eine Band für die Zukunft! Das versuchen wir auch rüberzubringen, wir wollen nicht irgendwo in der Vergangenheit festkleben. "Now" zeigt das auch, finde ich.
"Roadworks", unser aktuelles Livealbum, ist eine Mischung aus neuen und alten Nummern. Ah, wir haben ja schon mal ein Livealbum gemacht, ganz am Anfang unserer Zusammenarbeit mit Joe Gooch, und wir waren und sind nicht besonders glücklich damit, im Grunde war es nur, um den Leuten zu zeigen, was Joe kann und dass wir noch da sind.
(Es handelt sich um den 2003er Schnellschuss "One Night Jammed")
Nachdem wir die letzten Jahre so viel gespielt haben und auch "Now" fertig war, wollten wir ein weiteres Livealbum machen, das eben die Kombination aus altem - also Songs wie Good Morning Little Schoolgirl, I'm Going Home oder I'd Love To Change The World - und neuem Material dokumentiert. Das haben wir übrigens früher nie live gespielt, keine Ahnung warum, aber jetzt tun wir es.
(Letztgenannter Song ist aus dem 71er-Album "A Space In Time" und der größte Hit in USA gewesen; Red.)
Dieses alte Zeug haben wir also mit dem neuen Material kombiniert. Man muss sich als Band darauf einstellen, dass du mit jedem neuen Album neues und unterschiedliches Publikum antriffst. Ergo musst du den Leuten zeigen, was die Band früher war und was sie heute ist.
(Darüber könnte man natürlich streiten, denn die Zahl neu hinzugekommener Fans dürfte eher überschaubar sein und ein Gutteil der gealterten Fans kommt doch eh nur wegen den Uralt-Hits; Red.)
HoR: Hast Du denn das Gefühl, dass die Leute dieses Konzept auch verstehen?
Ric: Ja ja, absolut. Wenn die Leute nach den Konzerten zum Merchandisestand kommen und ihre Platten unterschreiben lassen, fragen sie viel nach den neuen CDs und wir erklären ihnen, dass "Now" neu ist und "Roadworks" die alten Hits mit den neuen Songs verbindet.
Im Moment verkaufen wir bei den Konzerten etwa 2/3 "Roadworks" und 1/3 "Now", aber "Now" ist ja nun auch schon beinahe 2 Jahre draußen - die Leute kennen die Platte schon, letztes Jahr haben wir natürlich mehr davon verkauft.

HoR: Was kann man denn grundsätzlich über die Verkäufe sagen, ich meine, Ihr habt ja nun keine Plattenfirma mehr im Rücken.
Ric: Nein, das nicht, aber wir haben jetzt einen Vertriebs-Deal für Amerika. Da brachte eine Plattenfirma im September "Now" raus, "Roadworks" leider noch nicht, und wir gehen im März 2006 drüben auf Tour.
Insgesamt sind wir mit den Verkäufen ganz zufrieden.
HoR: Wie ist denn Euer Status in Amerika?
Ric: Hm, das ist schwer. Die Leute dort sagen "Ten Years After ohne Alvin Lee ist nicht Ten Years After und die Band kann nicht wirklich gut sein". Aber wir haben jetzt einen umtriebigen Promoter dort und spielen zum Beispiel im "B.B. King's" in New York. Ich denke, das wird die Leute aufwecken und überzeugen, dass wir eine ernsthafte Band sind und Alvin Lee überhaupt nicht brauchen.
HoR: Werdet Ihr drüben in den Classic-Rock Radios gespielt?
Ric: Ja, schon. Aber natürlich nur die alten Hits. Ich hoffe ja, dass "Now" auch gespielt wird, wenn die Presse mal drauf einsteigt. Die Kampagne läuft ab Januar.

HoR: Was machst Du eigentlich, wenn Du mal zufällig nicht grade auf Tour bist?
Ric: Ich betreibe einen kleinen Touristik-Betrieb. Ich habe einige Ferienhäuser in Derbyshire (eine Grafschaft in den East Midlands; Red.), wo ich auch lebe, und vermiete die an Urlauber und Touristen. Außerdem mache ich die gesamte Organisation für die Band, also die Pressearbeit, die Dinge mit den Agenten und Plattenfirmen, den Versand der Platten an die Händler in Holland, Deutschland, Spanien und Skandinavien, das ist alleine schon ein Full-Time-Job. In Europa sind wir bezüglich Vertriebsarbeit richtig gut dabei.
Und darüber hinaus gebe ich noch Schlagzeugunterricht. Ich versuche, den Youngsters die Drums nahezubringen.
Fred, ich muss mich vielmals entschuldigen, aber ich muss zum Flughafen, ich fürchte, die warten dort nicht auf mich. Wir unterhalten uns demnächst, o.k.?

Völlig o.k., Mr. Lee. Es ist eine Freude, mit einer so herzlich lebendigen "Legende" zu sprechen, thanks & ab zum Flieger!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 18.12.2005

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