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Über Marc Storace gibt es seit Menschengedenken nur eine einzige Meinung: Singender Schreihals von KROKUS. Dann kam plötzlich die CD "The Wars Of Gods And Men" der kult- und legendenverdächtigen U.S.-Band WARRIOR auf den Tisch und niemand anderes als Marc Storace singt auf dieser CD. Und: Es klingt mitnichten nach dem Marc, den man zu kennen glaubte. Was ist passiert? Gibt es einen Storace-Zwilling? Hat der Malteser dem Good Time Rock & Roll den Rücken gekehrt? Fragen über Fragen und wir haben sie gestellt während Marcs Kinder mittels Playstation ruhiggestellt waren (auch die Kinder eines Rockstars spielen so was...).
Home Of Rock: Hi Marc, Du bist einer der Gründe, warum wir vor 3 1/2 Jahren das Home of Rock gestartet haben. Wir waren enttäuscht, dass richtige Rockmusik nicht mehr in den Medien vorkam und haben gedacht, dass wir das als "alte Säcke" ändern sollten.
Marc Storace: Man ist nur so alt wie man sich fühlt...
HoR: ... und es gibt sie noch, die alten Fans. Man muss sie nur finden und ihnen sagen, dass es auch die Musik noch gibt.
M.S.: Das ist es. Wenn die ROLLING STONES eine neue Platte machen weiß es jeder, aber im Vergleich dazu sind die anderen alten Rockbands heute total klein. So ist die Gesellschaft heute. Rockfans sind so was wie eine ethnische Minderheit.
Wir machen das doch, weil es zu unserem Leben gehört. Rock ist wie Essen, Trinken und Atmen. Eine Zeit lang, als Rock völlig von der Bildfläche verschwunden war, war alles sehr deprimierend. Ich bin happy, dass es so was wie ein Revival gibt.
HoR: Rock & Roll ist zurück. Anders als früher, mehr Underground, es riecht wieder nach Schweiß und Bier. Du musst heutzutage halt Fan sein, um die Dinge mitzukriegen, es wird dir nicht mehr nachgetragen. Das gilt für uns als Schreiber und sicher auch für Dich als Musiker. Man darf es nicht nur als Job ansehen.
M.S.: Es ist die einzige Möglichkeit. Ich weiß nicht wie es anders funktionieren könnte, ich kenne nur diesen Weg.
HoR: Die andere Möglichkeit wäre, wenn Du wie Britney Spears aussehen würdest...
M.S.: Haha, natürlich. Manchmal denkt man sich schon, ob das was man macht richtig ist, aber wenn man auf sein Herz und die innere Stimme hört, weiß man wieder, dass man etwas anderes gar nicht machen könnte. Es funktioniert doch nur, weil noch Typen wie wir ihr Ding machen und loyal zueinander stehen. Was mir Mut macht ist, dass viele Kids, auch meine eigenen, heute wieder das Zeug hören, das ich früher gemacht habe. Viele Jugendliche hören sich heute die Plattensammlung ihrer Eltern an. Klar, manche sagen sicher, dass es nicht cool ist, das Zeug seiner Eltern zu mögen, aber irgendwann kapieren sie es.
Unser größter Vorteil ist, dass wir Musik wie ein Handwerk sehen, wie wenn man einen Stuhl aus einem Stück Holz baut. Es ist wie eine Schnitzerei oder Modellbau. Das ist doch was in der Musik irgendwann gefehlt hat. Aber jetzt kommt es wieder. Nicht nur für mich, auch für die junge Generation von Bands. Die haben neue Ideen aber sie nutzen das alte Zeug von uns als Quelle.
HoR: Es klingt oftmals etwas anders, aber wenn diese jungen Bands ihr Ding mit Heart and Soul machen...
M.S.: Genau. Ich mag was viele jungen Bands machen. Es ist natürlich schwer, heute noch Songs zu schreiben, die komplett neu sind. Egal ob für KROKUS oder WARRIOR oder wen auch immer. Der echte Musikliebhaber erkennt den Unterschied natürlich, aber die Mehrheit der "normalen" Hörer nicht. Das gilt auch für Blues oder Jazz und alles andere.
HoR: Du hast ja nun mit WARRIOR was völlig neues gemacht. Warum?
M.S.: Na ja, ich habe einen Kick gebraucht und der fiel sozusagen vom Himmel in Form einer Connection die ich von früher hatte. Das war Christoph Berger, der auch hinter meinem ersten Soloalbum "Blue" mit Vic Vergeat stand ("Blue" wurde 1991 veröffentlicht; Vic Vergeat ist manchen vielleicht noch als Gitarrist von TOAD bzw. seiner Solo-LP "Down To The Bone" von 1981 bekannt; Anm. d. V.).
Ich habe den über 8 Jahre nicht gesehen, hab ihn gefragt wo zum Teufel er steckte und er meinte "ich bin in Amerika, bin mit meiner Agentur ganz gut im Geschäft und ich hab da ein Angebot für Dich. Eine Band die nicht sehr viel tourt, nur ein paar Festivals spielt, Du kannst natürlich KROKUS weiter machen...". Er hat mir die CDs von WARRIOR geschickt, ich hab mit Warren Croyle, dem Produzenten, eine Stunde telefoniert, der hat mir ein paar MP3-Files geschickt - dem Internet sei Dank - und ich war ziemlich weggeblasen von dem Sound. Energiegeladen und voller Power und Aggression, einfach etwas völlig anderes als KROKUS.
Klar, ich klinge selbstverständlich immer noch wie der Sänger von KROKUS, ist ja logisch, es ist ja der gleiche Typ. Aber ich singe bei WARRIOR tiefer, ohne die Schreie und es ist eine komplett andere Art von Lyrics. Und es sind andere Musiker. Solche Musik habe ich früher oft gehört aber nie selber gemacht. Und außerdem ist es eine neue Erfahrung gewesen, ein Album mit einer amerikanischen Band zu machen.
HoR: Du kanntest die Band WARRIOR vorher gar nicht?
M.S.: Ich habe Joe (Floyd, Gitarrist) schon früher mal getroffen. Als ich mit KROKUS in den frühen Achtzigern bei einer Party in Los Angeles war. Er wusste damals wer ich bin und ich wusste, dass er Gitarrist ist, aber wir haben nie zusammen Musik gemacht. Ich habe mich gar nicht mehr an ihn erinnert und es war sehr lustig, als uns wieder einfiel, dass wir damals zusammen ein paar Bier getrunken und ein bisschen Gras geraucht haben.
HoR: Hast Du die Vocals in Amerika aufgenommen?
M.S.: Die Vorproduktion mache ich immer alleine zuhause. Ich bin damals in ein neues Haus gezogen und das hat einen Luftschutzkeller. Da hab ich ein kleines Studio mit Amps, Mikros und einem großen Kühlschrank und mit Pro-Tools und Internet ging das ganz unkompliziert. Das war alles bevor ich die Jungs überhaupt getroffen hatte. Phantastisch, oder? Wir haben nur über Internet oder Telefon kommuniziert.
Dann bin ich rübergeflogen und hab die Vocals aufgenommen. Das war toll, ich war seit 15 Jahren nicht mehr in Amerika. Ich habe die Arbeit mit Warren und Joe sehr genossen.
HoR: Ist "The Wars Of Gods And Men" eine einmalige Zusammenarbeit?
M.S.: Ich hoffe nicht. Es ist so, dass KROKUS nicht das ganze Jahr unterwegs sind, ich hätte also Zeit. Mal sehen wie sich die Dinge mit der CD entwickeln, dann kommen vielleicht ein paar Gigs mit WARRIOR, Festivals oder so, und dann vielleicht... Warum nicht? Das Leben ist kurz, ich habe keine 50 Jahre mehr Zeit.
(Legt man die Zeitrechnung von Mick Jagger an, hat Marc noch 75 Jahre Zeit - Jagger sieht zumindest wie 130 aus)
Ich hasse es untätig rumzusitzen. Lieber sitz ich am Computer und kommuniziere mit Leuten. Das hat sich alles so verändert. In den Achtzigern hatten wir kein Fax oder Email aber riesige Telefonrechnungen wenn wir auf Tour waren.
HoR: Hast Du die Lyrics alle selbst geschrieben?
M.S.: Nicht alle. Warren und Joe haben mir einige fast fertige Texte geschickt die ich nur noch komplettieren musste. Einige habe ich komplett selbst gemacht, von anderen gab es nur Fragmente. Es war ein richtiges Teamwork.
Es war toll mit den Jungs zu arbeiten. Die waren sozusagen neu in meinem Leben und wir haben ohne Egoismus oder so was am gemeinsamen Ziel gearbeitet. Es gab nie irgendwelche Ego-Kämpfe nach dem Motto "ich will jetzt aber meinen Text auf der Platte haben". Es war völlig entspannt, kreativ, konstruktiv und total nett.
HoR: So klingt das Album auch. Heavy natürlich aber irgendwie auch relaxt und frisch.
War es denn schwierig so zu singen?
M.S.: Nicht wirklich. Ich singe halt etwas tiefer als bei KROKUS. Das ist in gewisser Weise ganz angenehm für mich, ich habe das wirklich genossen.
HoR: Das Album klingt einerseits sehr modern und andererseits ist es natürlich traditioneller Metal...
M.S.: Genau. Wir wollten nur nicht zu modern klingen, du verlierst nur alte Fans dadurch. Ich denke die Platte passt zu unserer Altersgruppe, genau wie zu den jungen Leuten.
Bei KROKUS würde diese Art zu singen nie passen. Diese aggressiven Vocals, irgendwie fast psychopathisch. Das hat mir eine neue Freiheit gegeben. Ich habe sogar gefragt, ob es nicht zu verrückt klingt, aber die Jungs meinten "mehr davon". Okay, dann eben mehr davon, aber sagt mir wenn ich es übertreibe...
Das war auch so toll mit den Jungs. Wir hatten überall Kerzen im Studio, total entspannt.
HoR: Ist es ein großer Unterschied zu KROKUS in der Arbeitsweise gewesen?
M.S.: KROKUS ist ein komplett anderes Ding. Wie gesagt, ich mache die Vorproduktion komplett allein, schreibe die Texte und habe von der Band nur Bits und Pieces, dann kommen irgendwann alle zusammen und hören sich das Zeug an, ich notiere ihre Meinungen und dann wird langsam eine Platte daraus.
(Marc beschreibt sehr genau den Entstehungsprozess einer KROKUS-Platte und den Unterschied zu WARRIOR - höchst interessant und aufschlussreich...)
Wir haben "The Wars..." in grade mal guten zwei Wochen aufgenommen, völlig stressfrei und entspannt, Adrenalin gab es nur durch die Musik, nicht durch die äußeren Umstände.
HoR: Kennst Du das letzte WORLD WAR III Album? Martin, der die Kritik zu "The Wars..." geschrieben hat, vergleicht die beiden CDs miteinander.
M.S.: Nein, kenne ich nicht. Ist notiert, ich hör es mir an. Da sind Joe und Warren auch dabei, ich weiß.
HoR: Vor ein paar Monaten gingen Gerüchte um, dass Du bei KROKUS raus wärst. Das war nur eine Zeitungsente, oder?
M.S.: Ja ja, reine Sensationsgier der Medien.
HoR: Was kommt als nächstes bei Dir?
M.S.: Zur Zeit schreibe ich ein paar Texte, Riffs und Ideen für das nächste KROKUS-Album auf. Wir kommen Ende Mai zusammen und dann schauen wir mal, was alles vorliegt. Wir werden wohl etwa 40 Songs haben, davon wird die Hälfte dann weggeschmissen und auf die restlichen 20 konzentrieren wir uns dann. Von denen landen dann noch mal 6 oder so im Papierkorb und im Herbst werden wir ins Studio gehen, damit die nächste Platte Anfang 2005 rauskommen kann.
HoR: Dann hast Du ja genug Zeit um mit WARRIOR ein paar Konzerte zu machen...
M.S.: Ja, wir haben mit KROKUS ein paar Auftritte bei Festivals, aber dazwischen wäre genug Zeit. Wir haben noch nicht ernsthaft über Auftritte mit WARRIOR gesprochen, aber hoffentlich wird das was. Die Band gibt mir einen richtigen Kick.
Ich überlasse das Joe, Warren und Christoph und nicht zuletzt ist es ja auch eine Frage der ökonomischen Machbarkeit.
HoR: Das sollte mit gut eineinhalb Millionen verkauften CDs kein Problem sein...
M.S.: Hahaha, ich wäre mit einer halben Million völlig zufrieden.
Um realistisch zu sein, 50.000 wäre schon überwältigend.
Hoffentlich laden sich nicht alle das Album aus dem Internet runter. Sonst gibt es kein Geld, keine Tour und am Schluss keine Band mehr.
Und dann sagt Marc ziemlich deckungsgleich die selben Dinge, die auch Piet Sielck von IRON SAVIOR in unserem Interview gesagt hat, ebenso wie Don Dokken und all die anderen Musiker, die sehr genau die Probleme im Business erkennen. Manager, hört doch mal auf diese Leute!
Wir danken Marc sehr herzlich für die Zeit und das supernette Gespräch und wünschen viel Erfolg für WARRIOR und auch für KROKUS (die mittlerweile einen hochgelobten Auftritt beim Rock Hard Festival in Gelsenkirchen ablieferten).
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