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Bob Seger & The Silver Bullet Band

Supp.: Eric Church

Nashville, TN (USA), Gaylord Entertainment Center, 09.12.2006

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Fotos: Marco Weiden
Nashville, TN (USA), Gaylord Entertainment Center, 09.12.2006

Das war spitze! Hänschen Rosenthal (den kennen die Generationen, die das hier lesen doch sicher noch?!!) wäre vor Vergnügen in die Luft gesprungen und ich hätte mich ihm wahrscheinlich angeschlossen. Aber der Reihe nach.
Zunächst mal mussten wir uns Eric Church und seine Band anhören, was jetzt nicht unbedingt fürchterlich war, aber in Erwartung dessen was noch kommen sollte, doch langweilig. Teilweise wusste diese Band auch zu gefallen und kam an, die Stilrichtung ging von Pop, über Rock und Country zu Nu-Metal, kurz und prägnant konnte man es wahrscheinlich als 'Nashville-Punk' bezeichnen. Zu Beginn legte der Leadgitarrist ihn bester Kirk Hammett-Manier los und rockte über die Bühne, was aber nicht zu den zwei Akustikgitarren und der Mandoline (und später Banjo) seiner Kollegen passen wollte. Was lässt man sich nicht einfallen.

Bob Seger Nach 40 Minuten und einer Umbaupause war es dann um 9:05 so weit, zu den Klängen von The Boys Are Back In Town kamen BOB SEGER und die SILVER BULLET BAND auf die Bühne, Bob Seger begrüßte das Publikum mit einem kurzen "How ya' doin', good to see you" und los ging es mit Roll Me Away vom "The Distance" Album, bei welchem Alto Reed sofort an seinem überdimensionalen Saxophon glänzen durfte. Im Anschluss daran das erste von 2 Coverstücken, Tryin' To Live My Life Without You, ursprünglich von Eugene Williams, auf dem die eher soulige Seite der Band zum Vorschein kam.
Mit den beiden nächsten Stücken, Wreck This Heart vom aktuellen Album "Face The Promise" und Mainstreet vom Megaseller "Night Moves", wurde schon zu Beginn eine äußerst gute Mischung zwischen altem und neuem, balladeskem und rockigem Material hergestellt, die sich durch das ganze Konzert zog und wirklich sehr gelungen war. Zu Mainstreet griff Bob Seger dann auch das erste Mal zu seiner Akustikgitarre, bevor es bei Old Time Rock'n'Roll anstrengender wurde, was den Meister dazu veranlasste ein Stirnband überzustreifen. Old Time Rock'n'Roll wurde vom Publikum zurecht mit wahren Jubelstürmen belohnt, zurecht deshalb, weil Craig Frost am Piano, Alto Reed am Saxophon und Mark Chatfield an der Gitarre sich hervorragend mit ihren Soli abwechselten und damit durchweg für strahlende Gesichter sorgten.

Bob Seger An dieser Stelle ein Wort zu den 20.000 Zuschauern (ausverkauft), die trotz eines geschätzten Durchschnittsalters von 40+ wirklich jedes Wort mitsangen (hat zwar nichts mit dem Alter zu tun, ist aber doch eher ungewöhnlich), vor allem bei Highlights wie Old Time., Still The Same und Turn The Page war der Chor gigantisch und der Jubel nach den Stücken immens. Ich habe wirklich selten ein so lautes Publikum gehört, wenn überhaupt schon mal. Zeitweise war es lauter als die Musik selbst (die Lautstärke war sehr angenehm, der Sound spitze), und ich denke, dass viele der Anwesenden lange auf diesen Abend gewartet haben und schon '96 und '86 bei den beiden letzen Seger Tourneen mitfeierten.
Leider konnten wir Europäer damals dieses Vergnügen nicht teilen, denn die letzte Tour in Deutschland war 1980 (!), aber laut Augenzeugenberichten (danke Rainer), hat Bob Seger in dieser Zeit rein gar nichts eingebüsst. Wenn das kein Kompliment ist.
Zum nächsten aktuellen Song, Wait For Me, war wieder Bobs Akustikgitarre angesagt. Als Einleitung dieses Songs kam eine kurze Geschichte darüber, dass das Stück für seine Kinder ist, die aufgrund einer langen Karriere doch einige Zeit auf ihren Vater verzichten und eben warten mussten. Aber mit seinen 61 Jahren bleibt ja noch genug Zeit um Unterlassenes nachzuholen.
Im Anschluss noch ein neuer Song, der Titelsong von "Face The Promise", zu dem zum ersten und einzigen mal eine Telecaster bei Bob Seger selbst zum Einsatz kam, bevor mit Still The Same vom "Stranger In This Town" Album wieder eine ruhigere Se(a)ite angeschlagen wurde.
Aber nicht lange, den mit Betty Lou's Getting Out Tonight ("Against The Wind") rock'n'rollte es in bester Manier, auch hierzu wieder kurze aber prägnante Soli an Gitarre und Sax und einem ultrakurzen 'Mitsingteil' für die männlichen Fans, die zwei mal während des Songs 'Yeah' schreien durften (was vor dem Song eingeübt wurde). Apropos Mitsingteil und sonstigem, oft übertriebenem Beiwerk bei Konzerten. Wie schon der sehr positive kurze Mitsingteil, wurde in diesem Konzert keine Ansage mit Gruß und Widmung an die amerikanischen Troups gemacht, genauso wenig wurde nicht ein einziges mal das Wort mit 'F.' benutzt. Es geht also auch ohne, und trotzdem kann das Publikum und die Band Spaß haben. Kaum zu glauben.
Außerdem kann eine wirklich gute Band auch ohne weiteres auf Videoleinwände verzichten, Feuer und Raketen zuhause lassen und lediglich die Musik sprechen lassen. Das war schon ungewöhnlich und völlig unamerikanisch. So wie eigentlich das ganze Auftreten der Band. Bob Seger selbst in Jeans und T-Shirt, Mark Chatfield ebenso, nur dass die Jeans schon einige Auftritte hinter sich hatte und entsprechend zerrissen aussah. Rock'n'Roll pur, eben. Der einzige Showeffekt war die Lightshow, die sich aber nicht in den Vordergrund drängte, obwohl die Lichter an je 8 schwenkbaren Armen über der Bühne hingen.
Garantiert war auch, dass jeder das Konzert in relativ nüchternem Zustand erlebte (es sein denn, man war vorher zu lange auf dem direkt nebenan liegenden Broadway, auf dem man sich zum Beispiel im berühmten 'The Stage' zu Country & Western-Geträller aufwärmen konnte), denn eine große Dose Bier kostete 8,75 $, aber dafür kann Bob Seger und die Band wohl nichts.

Bob Seger Um seine Vielseitigkeit zu demonstrieren, setzte sich Bob Seger zu den folgenden Stücken We've Got Tonight (von "Stranger In This Town") und Turn The Page ("Back in 72") höchstselbst ans Piano, und vor allem Turn The Page wurde unglaublich gefeiert. Der Beginn des Songs, der wie das Ende ein kurzer Saxophonteil von Alto Reed war, ging unter die Haut und löste wohl nicht nur bei alten Seger-Fans Gänsehaut aus.
Ach ja, Vielseitigkeit: Diese Band ist wirklich spitze. Bob Seger selbst ist nicht mehr ganz so oft an Gitarre und Klavier, aber das ist auch nicht nötig. Am Klavier erfüllte Craig Frost (der schon bei GRAND FUNK RAILROAD spielte) diesen Part sehr gut, und Alto Reed trug nicht nur mit seinen hervorragenden Sax-Einsätzen zum Gelingen bei, sondern unterstützte die Band des Öfteren auch an der Akustikgitarre und wenn beides nicht nötig war, legte er sich nicht etwa auf die faule Haut, sondern half am Tambourine aus.
Weiterhin fiel auch Don Brewer, ebenfalls früher bei GRAND FUNK RAILROAD, am Schlagzeug mit seiner Präzision und einem unglaublichen Drive auf, der besonders beim 'Kurzsolo' zu Beginn von Travellin' Man hörbar wurde. Dieser Song, wieder gespickt mit tollen Soli an Gitarre und Saxophon, ging über in Beautiful Loser, ebenso wie Travellin' Man vom gleichnamigen Album, bevor Bob Seger nach einer Stunde Spielzeit eine 8-minütige Pause ansagte.
Diese wurde auch exakt eingehalten. Weiter ging es mit Simplicity vom aktuellen Longplayer, bei dem neben den 3 Backgroundsängerinnen Shaun Murphy, Barbara Payton und Laura Creamer auch die 4 Bläser der MOTOR CITY HORNS aus Detroit, Michigan zum Einsatz kamen. Mitunter standen sowieso 15 Mann auf der Bühne, neben den eben erwähnten Sängerinnen, den Horns und Bob Seger noch Alto Reed, Craig Frost, Dan Brewer und Mark Chatfield und Chris Campbell am Bass, Jim 'Moose' Brown (der in Nashville praktisch ein Heimspiel hatte) an der Rhythmusgitarre und zeitweise eine weitere Verstärkung am Keyboard.
Angesagt als "ein Song aus dem Jahre 68" (tatsächlich wurde das Album "Ramblin' Gamblin' Man" im April 1969 veröffentlicht) kam Ramblin' Gamblin' Man und anschließend ein "sogar noch älteres Stück" mit Chuck Berrys C'est La Vie (vom 1994er "Greatest Hits" Album), dem heute zweiten Cover, bei welchem sich 'Moose', Chat und Chris zu Craigs Klavier begaben, um einen Teil der Nummer dort 'zusammen' zu spielen.
Als nächstes folgte eine Art Akustikset, bei welchem zwar die volle Besetzung mit 15 Mann wieder die Bühne bevölkerte, die Gitarren und der Bass aber auf Barhockern neben Bob Seger und Laura Creamer Platz nahmen. Es folgte Answer's In The Question, das auf "Face The Promise" als Duett mit Patti Loveless eingespielt wurde - deren Part übernahm Laura Creamer mit ihrer starken Stimme - und das von der selben Platte stammende Are You, das aber schon wieder wesentlich rockiger rüberkam.
Zum nächstes Song der "Night Moves" Scheibe, Sunspot Baby, lief auf dem Vorhang hinter der Bühne die einzige "Animation" des Abends, einige Sonnen mit aufgemalten Strichmännchengesicht drehten sich im Kreis. Nicht so schlimm, dafür gab es wieder ein wunderbares musikalisches Häppchen, in dem sich Gitarre und Saxophon ein Duell lieferten und Alto Reed in perfekter Chuck Berry Manier im Duckwalk über die Bühne wuselte.
Der Horizontal Bop rockte schwer ab, ebenfalls wieder mit einem Duell und diversen Soli und 4-Mann-Gitarrenparallelschwung wie es sonst nur STATUS QUO hinbekommen.

Bob Seger Katmandu, als letzter Song des regulären Sets, durfte natürlich nicht fehlen und brachte die Halle noch mal enorm in Schwung. Die gesamte Band verbeugte sich vor dem Publikum und ließ sich kurz feiern, um unverzüglich wieder auf der Bühne zu erscheinen. Der erste Teil der Zugabe waren Night Moves (Bob Seger nun wieder mit Akustikgitarre) und Hollywood Nights, nach kurzer Verabschiedung und Pause kamen noch Against The Wind, bei welchem Bob Seger erneut Hand anlegte und selbst Gitarre spielte, und Rock'n'Roll Never Forgets, ein wirklich würdiger Abschluss eines tollen Konzerts, das man auch nicht so schnell vergessen wird. Zu diesem wurde dann auch ein Podium hinter dem Schlagzeug das erste Mal benutzt - Alto machte sich die Mühe hinaufzusteigen, um dort allen noch mal genau zu zeigen wie der Duckwalk funktioniert.

Zum Abschluss bleibt mir noch zu sagen, dass dieser Abend wirklich "anders" war als die Konzerte, die ich bis jetzt hier in den Staaten erlebt habe. Alles war einfach etwas "normaler". Die Musik stand im Mittelpunkt und an dieser hatten alle Anwesenden wirklich Spaß, was wohl jeder im Saal spüren konnte. Bob Seger selbst feuerte seine Mannen immer wieder an und "arbeitete" richtiggehend auf der Bühne, aber auf diese Weise hat er es ja überhaupt erst so weit gebracht.
Ich hatte wirklich schon lange kein Konzert mehr, bei dem die Zeit so schnell verflog (um 23:20 war letztendlich Schluss, reine Spielzeit war damit gut 2 Stunden). Deshalb werde ich mir das noch mal ansehen müssen, denn ich habe das Glück, dass im Februar für mich ein Heimspiel ansteht - dann ist die SILVER BULLET BAND mit Bob Seger in Memphis und ich kann mich dem nicht entziehen. Die Tour läuft übrigens noch weiter und Karten sind (trotz dass viele Konzerte als 'ausverkauft' bezeichnet werden) noch erhältlich.
Wer also noch keine guten Vorsätze für das neue Jahr und dies nicht sowieso schon geplant und gebucht hat, das wäre doch mal ein anderer Vorsatz - ab ins Flugzeug, in Deutschland wird Bob Seger wohl nicht mehr auftreten. Die Flüge sind zurzeit übrigens extrem günstig. Have a good flight.

Setlist: Roll Me Away, Tryin' To Live My Life Without You, Wreck This Heart, Mainstreet, Old Time Rock'n'Roll, Wait For Me, Face The Promise, Still The Same, Betty Lou's Getting Out Tonight, We've Got Tonight, Turn The Page, Travelin' Man, Beautiful Loser
Pause
Simplicity, Ramblin' Gamblin' Man, C'est La Vie, Answer In The Question, Are You, Horizontal Bop, Katmandu
1. Zugabe: Night Moves, Hollywood Nights
2. Zugabe: Against The Wind, Rock And Roll Never Forgets

Marco Weiden, (Artikelliste), 25.12.2006

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