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Gov't Mule

München, Georg Elser Halle, 05.09.2005

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Fotos: Adelina Schmidtlein

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Gov't Mule
Gov't Mule
München, Georg Elser Halle, 05.09.2005

Gov't Mule Was soll man über eine Plattenindustrie sagen, die ganze Fan-Generationen, bzw. Legionen einer Fangeneration ignoriert und deswegen die Bands oft genug die Deppen sind. Was soll man über Fans sagen, die "ihrer" Band bedingungslos durch Europa oder gleich durch die halbe Welt nachreisen und ihr Urlaubs-, Weihnachts- und Arbeitslosengeld für Konzerte, CDs, T-Shirts, Benzin und Schlafsäcke ausgeben (yep, GOV'T MULE bieten tatsächlich Schlafsäcke in ihrem Merchandiseprogramm an). Was soll man über eine Band sagen, die drei Stunden auf der Bühne steht und sich für die hingebungsvolle Menge im Saal sprichwörtlich den Arsch aufreißt.
Die einen kann man nicht verstehen dürfen (das ist so gemeint wie es geschrieben ist), die anderen muss man bewundern und die letzten haben alles richtig gemacht und sind verehrungswürdig.
Mag der Berichterstatter auch noch so oft über sammelwütige, alleskaufende Fans grinsen, mag er sich noch so oft über die Hyperaktivität der Protagonisten auslassen und die Dauerpräsenz des genialischen Hauptakteurs kritisieren, eines darf er nicht: Kritik am Tun eines Warren Haynes und seiner GOV'T MULE Band üben, bloß weil ihm der eine oder andere Erguss nicht direkt vom Ohr ins Rock'n'Roll-Epizentrum flutscht und die primitiven Geschmacksnerven des Menschen mit "Born to Boogie"-Button am Revers nicht grundsätzlich ins Flattern geraten. Damen und Herren, Maultiere und Regierungsbeamte, wir haben am 05. September 2005 eines der großartigsten Konzerte der letzten Jahre erlebt. Das ist so, und wem es nicht gefallen hat, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Rockfan.

Gov't Mule Eine bestens gefüllte, nicht ganz ausverkaufte Halle, entspannte Menschen (wie es bei Jam Konzerten nunmal üblich ist), perfekte Sound- und eher miserable Lichtbedingungen, zwei rasende Reporter, die happy über das kurz vorher geführte Interview mit Mr. Haynes ganz viele Menschen aus dem Kreis der üblichen Konzertbesucher-Verdächtigen trafen und sich gemeinsam bannig auf die Show freuten.
Exakt zwei Minuten nach halb 9 bekam Freund Fabio mindestens windelweiche Knie, GOV'T MULE stiegen tatsächlich mit Soulshine in den Set ein. Hatte er doch vorher noch gefragt, ob es denn unter Umständen möglich wäre, vielleicht ausnahmsweise diesen Song an den Anfang zu stellen. Sie haben es getan und da verschlägt es einem nachgerade die Sprache. Soulshine ist aber auch eines der schönsten Lieder der Rockgeschichte und macht definitiv glücklich.

Knapp 40 Minuten für die ersten drei von insgesamt siebzehn gespielten Songs. Monkey Hill vom ersten G.M.-Album von 1995, Game Face von "Dose" (1998), dann der alles überragende Mountain Jam eingebaut. Das Publikum jubelt, singt mit, feiert eine Band, die optisch so langweilig wie deutsche Fußballvereine ist, dafür aber ein Kunststück nach dem nächsten aus dem Equipment jagt.
Gov't Mule Matt Abts, der Rhythmuskönig, streut zwanglos einen "simplen" 7/8 zwischen seine Wirbel-Break-Wirbel Orgien, Andy Hess, vermutlich der einzig legitime Ersatz für Allen Woody, bewegt sich oftmals am Rande der derzeit übertragbaren Akustiktechnik und verleiht unter anderem Mr. Big (natürlich das von FREE) einen bis dato nicht gehörten Druck, und Keyboarder Danny Louis frönt seiner Leidenschaft Jazz-Rock-Soul-Blues mit Tönen zwischen Leidenschaft, Eiseskälte und beängstigender Virtuosität. Warren Haynes kann man nicht beschreiben. Er ist nicht der schnellste Gitarrist, der schönste auch nicht, möglicherweise, oder sogar ganz sicher, gibt es auf dem Planeten auch bessere, aber er ist unvergleichlich. Der Sound, der Anschlag, die nicht endenden Soli, die Heavyness und das Gefühl für Melodie, all das nötigt tiefsten Respekt ab - und nun folgt eine Verbraucherinformation: Ja, man kann durchaus über diverse CDs dieser Band geteilter Meinung sein. Ja, im Studio erscheint manches zu verkopft und steril. Ja, auch die Livekonserven sind nicht frei von Längen. Im Konzertsaal, in der Kombination Optik (auch wenn sie noch so konventionell ist)-Akustik-spürbare Körperlichkeit des Sounds sind GOV'T MULE wahrscheinlich die größte Jam-Praline der Welt.

Gov't Mule Wenn überhaupt eine Band dieses Genres in die Nähe der Intensität Haynes' & Co. kommt, dann die Japaner SAVOY TRUFFLE. Leider spielen die kommerziell gesehen noch immer drei Ligen tiefer - was durchaus als Kritik an den Fans dieser Musik gesehen werden darf. Fans, die alles EINER Band tolerieren, sollten problemlos in der Lage sein, auch eine zweite Band in ihr Rockerherz zu schließen.
Wenn wir schon beim kritteln sind, die Setlist eines einzigen Konzerts dieser Band aus New York wird niemals zu 100% zufriedenstellend sein. Meinethalben könnten sie die gesamte "Dose"-CD spielen und Bad Little Doggie von "Life Before Insanity" (2000) hat auch gefehlt. Nach drei Stunden mit dieser Band hat man unglaubliche Lust, sich in den Zug zum nächsten Konzert zu setzen, weil dort mit Sicherheit drei völlig andere Stunden geboten werden. Schaut Euch zu diesem Thema bitte unser Interview an.

Gov't Mule Aller Lamentiererei zum Trotz, die Playlist eines jeden Mule-Konzerts ist ein Ereignis, komme was da wolle. Der Thorazine Shuffle, als eine der wenigen Konstanten fast aller Shows, donnert dem letzten Zweifler den Misanthropenhut vom Kopf, Fogertys Effigy bewegt und geht über in den noch viel mehr bewegenden Folsom Prison Blues, der in seiner Haynes'schen Einzigartigkeit zu einem fingerfertigen Lehrstück für alle Country-Ersatzgitarristen wird. Danach kommt das unvermeidliche Schlagzeugsolo und der andächtige Zuhörer springt dabei in die Luft und klatscht wild. Nein, es ist nicht normal, wie einen diese Band gefangen nimmt.
Maybe I'm A Leo hätte man noch dankend angenommen, Same Price (auch vom "The Deep End - Volume 1" Album) ebenfalls, Soulshine gerne nochmal und für den Rest der Nacht, dafür gab es eine furchterregende Version von Lay Your Burden Down und einen krachenden Abschluss mit Blind Man In The Dark und als Zugabe den New World Blues. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, das Publikum ist auch nach einem derartigen Monsterkonzert schlimmstenfalls körperlich erschöpft, könnte aber noch Stunden weiter diese gemütliche Party zelebrieren, der Sänger Warren Haynes legt auch in den allerletzten Ton noch seine volle Stimmkraft und der Gitarrist gleichen Namens macht keinerlei Gefangene.
Kolossal!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 06.09.2005

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