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Konzertbericht:

Jethro Tull

Supp.: Masha

München, Zenith, 24.06.2003

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Ian Anderson
Ian Anderson - 29 KB
Martin Barre & Ian Anderson
Martin Barre & Ian Anderson - 43 KB
Photopass
München, Zenith, 24.06.2003

Jethro Tull

"Liebe Konzertbesucher! Im Namen von Jethro Tull bitten wir sie, das Rauchen einzustellen".
Geschätzte 300 Menschen brechen ob dieser "Bitte" in Jubel aus. Darunter die in Spießigkeit gealterte Krankenkassenangestellte, die mich noch vor 5 Minuten vor ein UN-Menschenrechtstribunal schleifen wollte: "Sag mal, findest Du das fair, Dich mit Deiner Größe so weit nach vorn zu drängen?". Ja, finde ich! Ganz speziell, wenn eine 5.000-er Halle grade mal zur Hälfte gefüllt ist und sich die Drängelei dementsprechend durchaus in Grenzen hält, auch wenn in der Mitte ein schwarzes Tuch als Abtrenner hängt.
Oh, diese deutsche Jägerzaunmentalität geht mir so was auf den Senkel. Leute, geht bitte in die Kongresssäle, dort treten Bands wie Jethro Tull inzwischen auch gerne auf, speziell akustisch und gänzlich scheintot, und Ihr habt einen Platzanweiser und sowieso Rauchverbot. Too old to Rock & Roll: Ja! Too young to die: Hmmmm...

Als ich Jethro Tull Ende der Siebziger erstmals gesehen habe, musste die Band von Kritikerseite schon heftige Haue einstecken. Klar, Punk und New Wave waren angesagt und Tull (erste LP 1968) gehörten zum verhassten Establishment und waren Fossile. Damals war gerade die sehr gute Doppel-LP "Live - Bursting Out" erschienen und wegen der ging ich in die Olympiahalle. Hat sich gelohnt, Tull waren mit einer kernigen Rock-Show unterwegs.
Was würden die damaligen Schreiber des Musikexpress oder Sounds heute, 25 Jahre später, wohl sagen?

"Living With The Past" heißt die Tour dieses Jahr - es lebt sich sicher ganz gut mit geschätzten 50 Millionen verkauften Tonträgern im Rücken - und entsprechend startet das Konzert mit Living In The Past. Dann kommt ein Blues vom ersten Album und der klingt, na ja, wie britischer Bluesrock von 1968 eben klingt, und dann kommt eine Reise durch die Geschichte. Aber welch seltsame Geschichte ist das? Kreativ hat sie irgendwann ca. 1980 geendet und seither treibt sich der clevere Geschäftsmann Ian Anderson mitsamt seiner Flöte und wechselnden Musikanten (nur Martin Barre ist eine feste Konstante) zwar im künstlerischen Niemandsland, dafür aber fest verwurzelt in den Herzen der treuen Fans herum.

Eines darf man Anderson nicht vorwerfen: Eine reine Greatest Hits-Show zelebriert er nicht. Natürlich fehlen die ganz großen Klassiker nicht, aber es kommen durchaus unerwartete Songs zu Gehör und manche Evergreens sind deutlich umarrangiert. Ob man die unbekannteren Nummer wirklich hören will/muss, bleibt dem einzelnen Zuschauer überlassen und so manches Neuarrangement gefiel mir ganz und gar nicht, aber das ist reine Geschmackssache. Fakt ist, dass einzig Martin Barre mich mit feinen Soli im Verlauf der knapp 2 Stunden immer wieder aus der Tiefschlafphase gerissen hat. Ansonsten herrscht gepflegte Langeweile, Anderson gibt den drolligen Conferencier und kündigt dabei selbst den "sad song about a child prostitute" wie die lustige Geschichte von den sieben Gnomen hinter den sieben Hügeln an. Dazu springt er, wie üblich, recht agil und etwas seltsam, mit rudernden Armen und schlackernden Beinen über die Bühne und wedelt dazu mit seiner Querflöte umher.

Martin Barre

Das wunderschöne Heavy Horses kommt im Medley mit u.a. Too Old To Rock And Roll, Too Young To Die und das nervt. Grade solche Songs gehören ausgespielt. Dann gibt's den Titelsong vom letzten Studioalbum "J-Tull Dot Com", die alte Cross-Eyed Mary und und und.
Ist ja alles nett, aber die richtige Stimmung mag nicht aufkommen. Das liegt einerseits sicher an der scheußlichen Zenith-Halle, die ich bestenfalls für ein Industrial-Metal-Crossover Konzert empfehlen kann, ansonsten sollte man wieder wie früher Lokomotiven drin reparieren. Andererseits ist es grausam heiß und außerdem sind Aqualung und Co. einfach alt, grau und betagt. Das ist das Hauptproblem! Viele dieser alten Lieder klingen heute in ihrer verquasten Folk-Prog-Verschwurbeltheit nur noch schrullig und da helfen keine modernen Breitwand-Keyboard-Wände oder das Gesinge von Jungstar und Leslie Mandoki-Protege Masha. Dazu kommt ein, vor allem hinten, grottiger Sound. Drummer Doane Perry sitzt zwar extra in einer Plexiglas-Soundbox, aber wenn er mal richtig loslegt, klingt es nur nach Kohlen auf dem Weg in den Keller. Rumpel, donner, rumpel, schepper, krach...

Endlich, als Zugabe, Locomotive Breath. Dampft toll dahin, klingt aber trotzdem irgendwie widerwillig. Ich kann es durchaus verstehen, wenn Künstler 100 Jahre immer den gleichen Song spielen sollen vergeht irgendwann der Spaß. Lösung: Einfach neue Klassiker schreiben!

Noch ein Wörtchen zur erwähnten Masha. Die hübsche 24-jährige Sängerin wird von Leslie Mandoki produziert, der hat bekanntlich beste Connections zu Ian Anderson ("Soulmates") und so rutschte die Luxemburgerin ins Vorprogramm. Allerdings wurde sie bei ihrer Performance reichlich überdeckt von den anwesenden ,Soulmates', inklusive Mandoki, Anderson, diversen Streichern und Gitarristen etc. Trotz guter Stimme hatte sie eigentlich keine Chance sich durchzusetzen.
Die Musik: Ja mei, Mandoki-Pop halt. Ein bisschen schwülstig, reichlich pathetisch, sehr massenkompatibel und mir eindeutig zu tranig. Ihr Publikum wird sie trotzdem reichlich finden - die Krankenkassenfachkraft hinter mir fand es toll - und mein Geschreibsel braucht die Kleine sicher nicht für ihre Karriere. Schwamm drüber.

Was bleibt also nach Jethro Tull 2003? Ein durchgeschwitztes T-Shirt und die Frage, warum manche Altrocker so sind und andere anders.
Warum funktioniert beispielsweise Manfred Mann live heute noch und Ian Anderson nur teilweise? Beide sind doch letztlich ähnlich erstarrt in ihren alten Hits. Von anderen "rolling bones" gar nicht gesprochen. Die einen haben ihre Spielfreude wieder entdeckt (Lynyrd Skynyrd), die anderen leben einfach in ihrer Altersweisheit friedlich vor sich hin (Deep Purple), wieder andere müssen nach wie vor ums Überleben kämpfen (unzählige) und dann gibt es natürlich die mit der immerwährenden Dauerpower (Status Quo, AC/DC).
Für Ian Anderson und Jethro Tull habe ich noch keine passende Nische entdeckt. Schade eigentlich, ich fühle mich nämlich noch jung genug zum Rock & Roll.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.06.2003

Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 24.06.2003

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