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Konzertbericht:

Lance Keltner

München, Hide-Out, 19.01.2003

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Hide-Out, München
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Fotos:
Adelina Schmidtlein

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Setlist
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Tourplakat
Tourplakat - 51 KB
München, Hide-Out, 19.01.2003

Die Welt ist gerecht und Dieter Bohlen ist der größte deutsche Komponist aller Zeiten. So schaut's aus meine Damen und Herren. Und deswegen spielen echte Rocker Jahr für Jahr ihre kleinen Clubtourneen und die Rolling Stones suhlen sich in den Fußballstadien dieser Welt, während ein Gitarrist, der Herrn Richards mit gefesselten Händen an die Wand spielen würde, seinen Verstärker eigenhändig zum alten Bus schleppt.
Immerhin, das kleine Hide-Out, Münchens letzter echter Liveclub, war mit 50 Leuten gut gefüllt, und die Stimmung entsprechend entspannt (und das am Sonntagabend).

4 Alben hat Keltner inzwischen auf dem Buckel, das aktuelle "Lance Keltner" ist grade eben erschienen und ist eigentlich eine konsequente Fortführung seiner bisherigen CDs. Weg vom Blues, hin zum "modernen" Rock mit Einflüssen aus Southern Rock, Rock & Roll und natürlich Blues. Die auf CD eingesetzten technischen Gimmicks übernimmt auf der Bühne ein kleiner Japaner mit Knöpfen dran.
Man muss diese Loops und Samples nicht mögen, aber Lance setzt das Zeug sparsam ein und erzeugt damit - neben ein paar mehr oder weniger freiwillig komischen Sounds - eine ganz spezielle Stimmung. Der Zuhörer wird nämlich aus seiner Sonntagabend-Blues-Lethargie straight in die Moderne geschleudert.
Höchst lustig ist, dass Bands wie ZZ TOP Millionenbeträge investieren, nur um am Schluss doch wie aus der Mülltonne zu klingen, während Lance und seine 3 Leutchen mit einem handelsüblichen DAT-Gerät für paar Mark fuffzig einen kleinen Club soundtechnisch in eine Riesenhalle verwandeln.

Der elektronische Rhythmusgeber und ein paar Pedale von Co-Gitarrist Mark Younger-Smith sind optisch die einzigen Zugeständnisse an den Zeitgeist. Ansonsten stehen eine handvoll Gitarren und alte Verstärker rum. Und seltsamerweise liegt auch noch eine Hantel auf dem Boden. Welchen Zweck die erfüllt, habe ich nicht herausbekommen.
Mit Ride The White Horse - einem ganz PS-starken Boliden - startet die Show und sofort wird klar, um was es in den folgenden zwei Stunden gehen wird:
Mainstream Rock des Jahres 2003!
Mainstream klingt irgendwie muffelig. Ich will das hier mal gerade rücken:
Mainstream ist dann, wenn ein Musiker in der Lage ist, Songs zu schreiben, die direkt vom Ohr über das Hirn in die Beine gehen.
Manche Songschreiber lassen den Umweg über das Hirn einfach weg und diese Lieder kommen dann in die Charts und man nennt es Volksverdummung.

Anyway, Lance jedenfalls schreibt seine Songs mit Hirn, Bauch und Gitarre und er ist einer der wenigen zeitgenössischen Musiker, die einen solchen Sack voll potentieller Hits haben. Der gesamte erste Konzertteil ist gespickt mit (Rock!) Hymnen, die Leute wie Bryan Adams oder Desmond Child nur zu gerne schreiben würden, leider fehlen ihnen aber dazu die Eier.
Welcome Back, House Of Blue Light, Love Like Abilene, Way Of My People, alles Songs, die so sicher charten würden, wie der FC Bayern wieder Meister wird. Wenn, ja, wenn nicht so viele Ohren von tönendem Mist verkleistert wären. Ich kann nur unsere Freunde vom UlfTone Label dringend auffordern, ALLES für Lance zu tun.

Lance ist ein Guitar-Hero, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Er überlässt Mark Younger-Smith so manchen Spot und konzentriert sich auffallend auf seinen außergewöhnlich guten Gesang. Die Band ist insgesamt unheimlich tight und perfekt. Michael Moyer am Bass und Drummer Tommy Taylor (mit Kopfhörern) betonieren einen großartigen Untergrund und darüber kommen die Gitarren plus Stimme wunderbar zur Geltung.
Mal tönt es texas-rockig, mal leicht von Hendrix beeinflusst, öfter denkt man an die BLACK CROWES oder die STONES, mal ist man direkt in New Orleans. Trotzdem sind die Songs unverkennbar und eigenständig, nie schnulzig und immer treibend und wunderbar modern.

Nach der Pause erleben wir aber dann ein echtes blaues Wunder. Die Band schaltet noch einen oder zwei Nachbrenner ein und es geht gar furchtbar schweißtreibend in die zweite Halbzeit plus Verlängerung. Dirty Knees, Voodoo Doll, Groove Thang, Devil And The Deal. Ein Knaller nach dem anderen. Absolute Weltklasse. Trocken und hart rocken die Jungs wie vom Voodoopriester verfolgt durch ihren Set.

In Bye Bye Donkey wird, wie auch einen Tag später in Nürnberg, Rod Stewarts Hot Legs eingebaut. Was für ein unfassbarer Rocker das doch ist. Wer braucht da noch einen nölenden Altstar?
Als absoluten Höhepunkt und Rausschmeißer bringen sie dann noch Show Me. Ich liebe den Song schon in der Urversion von Ron Wood. Aber so wie Lance und Band das Ding rausknallen, kann man nur auf eine Live-CD dieser Tour warten. Sagenhaft!
(Epi, merkst Du was? Unsere Formulierungen unterscheiden sich nur durch die Worte "rausprügeln" und "-knallen")

Lance und seine Bande überzeugen auf den Studioscheiben. Live allerdings sind sie eine Bank, die eigentlich nur darauf wartet, endlich von den Aktionären wahrgenommen zu werden. Der Kurs geht nämlich steil nach oben und sollte, wenn die Musikwelt nicht komplett durchgeknallt ist, früher oder später an der Spitze des Rock & Roll-Dow Jones-Index enden.
Solche Anekdoten sind für ein größeres Publikum bestimmt: "Ich fühle mich wie vom Wolf gefressen und über die Klippe geschissen".
19. Januar, und bereits ein Jahreshighlight, das sicher im Dezember noch in den Top 10 sein wird.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 04.02.2003

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