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Melanie Dekker

Dresden, Tante JU, 24.09.2011

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Fotos: Hartmut Helms

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Melanie Dekker

CD "Here & Now":
Here & Now

Melanie Dekker

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Melanie Dekker
Dresden, Tante JU, 24.09.2011

Das letzte der seltenen Sommersonnenwochenenden ist gleichzeitig das erste im Herbst. Die Natur macht mit dem ersten Herbstgold an den Bäumen und Sträuchern einen auf versöhnlich und mein Gemüt schließt sich widerspruchslos an. Der Entschluss, mal ein normal ruhiges Wochenende zu verbringen, ist kurzfristig ad acta gelegt und mein silberner Blechfreund lädt mich zu einer Fahrt unter der warmen Sonne durch die immer bunter werdende Umgebung ein.
Wir finden uns in der aufkommenden Dämmerung vor der "Tante JU" in Dresden wieder. Eine Sängerin und Liederschreiberin namens Melanie Dekker aus Kanada, dem Land mit dem Ahornblatt in der Fahne, ist hier angekündigt. Der Name war mir schon öfter zu Ohren gekommen und nun wollte ich mal wieder meine Neugier befriedigen. Na, erst mal gucken und dann auch hören.

Melanie Dekker

Das hab' ich bisher selten erlebt: Beim Eintreten in den Konzertraum ist irgendetwas anders also sonst. Je näher ich dem Podium komme, desto mehr Details entdeckt mein Auge auf der liebe- und geschmackvoll dekorierten Bühne, deren vordere Kante mit herbstlichen Ahornblättern und der Nationalflagge von Kanada verziert ist. Vor dem mittleren Mikrofon stehen brennende Kerzen in Gläsern und die wiederum auf einem flachen Ständer. Daneben, als kleiner unscheinbarer Blickfang, eine CD-Hülle mit einer roten Rose. Auf der anderen Seite ein Blumengesteck in einem Körbchen. Im Hintergrund der Bühne werden eine Gitarre und ihr Reisekoffer, mit Stickern aus aller Herren Städte beklebt, von farbigen Spots in ein seltsam angenehmes Licht getaucht.
Auf diese Weise schon vorab einen Eindruck vom Kommenden zu vermitteln, glaube ich, kann wohl nur eine Frau, die außerdem noch ganz nebenbei mit unaufdringlichem Raffinesse vermittelt, woher sie kommt. Noch hab' ich sie nicht gesehen und doch weiß ich jetzt schon, sie ist stolz, eine Kanadierin zu sein. Den Gedankengang will ich erst gar nicht weiter spinnen, doch meine Anerkennung hat sie schon mal locker gewonnen.

Melanie Dekker
Melanie Dekker

Zu vorgerückter Stunde erscheint sie auf der Bühne in Stiefeln, Hot Pants und langen blonden Haaren - "Ooh la la", würde jetzt Rod Stewart sagen oder singen. Die schlanke Lady da oben aber singt I Said I und This Song als Opener, zwei locker flockige Pop-Songs mit dezentem Country-Touch. Danach ist die Stimmung gelöst. Man hat sich im Halbrund vor der Rampe versammelt, um besser zu sehen und dem Geschehen leichter folgen zu können.
Mir bleiben vor allem die beiden zündenden Nummern Saturday Night Show, wegen eines knackigen Picking-Guitar-Solos, und Every 20 Minutes wegen der besonderen Folk-Stimmung im Ohr haften. Was Melanie Dekker da mit ihren beiden Begleitern, dem Berliner Martin Rose am Bass und David Sinclair an den Gitarren, zaubert, ist beste nordamerikanische Folk-Tradition in poppiger Verkleidung. Über all den Songs thront die helle und einfühlende Stimme der Sängerin. Die erzählt uns Geschichten aus ihrem Leben, ihrem Umfeld und vom eigenen Bruder (Flowers), der sich mit einem gebrochenem Herzen herumschlagen muss. Den etwas älteren Gesichtern, "I can't see you in the dark in front of me", widmet sie ein Lied aus deren Jugendjahren und singt uns, nicht ganz ernst gemeint, was von "trying flower power" und "sunshine's waiting for a jam in the park". Der Song heißt Hippie und versprüht ein Gefühl von Sommer, Sonne, Reggae und Spaß. In der kurzen Pause spreche ich sie darauf hin an und frage, ob sie denn für einen alten "Hippie" im zweiten Teil auch ein altes Lied spielen würde…

Melanie Dekker
Melanie Dekker

Dieser zweite Konzertteil beginnt mit einer Überraschung. Mit warmen Worten kündigt Melanie Dekker ihren Gitarristen und ein paar "inspirierende Momente mit Musik" an. Was dann kommt, erlebt man nur selten und meist unangekündigt. Der aus Vancouver stammende Vollblutmusiker gleitet mit leisem Fingerpicking in ein Gitarrensolo, das sich langsam steigert, so dass einem mittendrin und bei einem Wahnsinnstempo stellenweise der Atem stockt. Das ganze mündet in Captain, einer stampfenden Nummer, von der ich meine, sie schon irgendwo mal gehört zu haben. Die Menge tobt frenetisch und zum ersten Mal sehe ich David Sinclair an diesem Abend lächeln.

Melanie Dekker
Melanie Dekker
Natürlich ist die sympathische Lady auf der Bühne der Mittelpunkt der Show, der Blickfang auf der Bühne und das Idol einiger weiblicher Teenager im Raum. Endlich mal wieder spontanes Kreischen bei Liedern wie Haven't Ever Kissed U Yet oder Oh Yeah. Meinem persönlichen Geschmack kommt eher das a capella eröffnete Blush (?) entgegen, bei dem sich Martin Rose am Bass austoben und als synchroner Sänger dazu beweisen kann. Auch David Sinclair lässt sein Können auf den "sexy" Saiten noch einmal aufblitzen. Der Sound der drei Musikanten ist den ganzen Abend derartig kompakt, dass den meisten das Fehlen eines Schlagzeugers bei dieser Musik wohl gar nicht aufgefallen ist.
Viele Songs des Abends entstammen den CDs "Revealed" (2006) sowie "Acoustic Ride" (2007). Die meisten jedoch aus dem aktuellen Album "Here & Now", das mit der Tour beinahe vollständig vorgestellt wird. Aus diesem Silberling kommt auch Until The Wind Stops Blowin' (In Denmark), das mir schon wegen der Assoziationen zu meinen Törns zwischen den dänischen Südseeinseln gefällt.
Danach verabschieden sich die drei auf der Bühne vom begeisternd klatschendem Publikum, um gleich darauf als Zugabe das gefühlvolle Stare At The Rain wie einen leisen Abschied zu singen. Einen allerletzten soll es noch geben, meint sie, und bei den ersten Gitarrentönen erkenne ich an dem mir zugewandten Augenzwinkern, dass gerade mein Wunsch aus der Pause zu klingen beginnt. Es ist wirklich tief bewegend, einen Song wie Lennons Norwegian Wood mit nur zwei Akustikgitarren und einer einfühlsamen warmen Frauenstimme für sich allein zu genießen und ich spüre, dass es auch einen ganz eigenen Reiz haben kann, über ein paar Jahrzehnte Leben hinweg solche Vergleiche ziehen zu können. Stellt euch mal vor, das Abweichen von der Set-List würde Schule machen - nicht auszudenken, die vielen tollen Überraschungen!

Melanie Dekker
Melanie Dekker

Heut' Abend bin wohl auch ich wieder mal von meiner "Setlist" ab- und dem Alltagstrott ausgewichen. Heut' Abend hat irgendjemand vielleicht zum 17. Mal in diesem Jahr die Band und das Idol seines Herzen im Konzert erlebt. Mein eigener "Plan" fand heute (mal wieder) nicht statt. Ich hab' neue Musik live erlebt und nebenbei einen fantastischen und bescheidenen Gitarristen namens David Sinclair erlebt, der gemeinsam mit Martin Rose am Bass eine freundliche und überzeugende Künstlerin durch ein Konzert geleitet hat. Wem die großen Stars wie Sheryl Crow und Shania Twain inzwischen zu weit weg von ihren Fans und zu teuer sind, darf sich bei der sympathischen Melanie Dekker aus Kanada mit ihrer tollen "Stimme aus Schokolade" ein wenig "trösten" und wird wahrscheinlich, ebenso wie ich, eine Überraschung abseits vom plärrenden Radio und frigider TV-Show erleben.

Melanie Dekker

Hartmut Helms, (Artikelliste), 26.09.2011

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