| München, Coloseum, 16.10.2002 |
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München ist voll von Hardcore-Rockern. Tausende begeisterte Rock & Roller pilgern Woche für Woche, ach was, Tag für Tag zu Konzerten unserer bekannten und auch weniger bekannten Helden. Egal ob es Superstars sind oder hoffnungsvolle Newcomer, die Clubs und Hallen platzen aus allen Nähten und man freut sich, wenn endlich mal ein Konzert nicht so überfüllt ist, dass man vor lauter Platzangst paranoid wird.
So viel zum Thema Science Fiction bzw. "25 Jahre Rockmusik machen blöd".
Die Wahrheit ist ein wenig anders.
STATUS QUO gehören zur beinahe ausgestorbenen Spezies "Echte Rockstars". Und ein Konzert von QUO gibt mir endlich mal wieder die Gelegenheit, gründlich abzurechnen. Nicht mit der Musik dieser Unverwüstlichen. Mit der Situation im Allgemeinen.
1978 habe ich Quo erstmals live gesehen. Olympiahalle, "Rockin' All Over The World"-Tour. Und seitdem again and again and again...
2002 im Coloseum war nicht das beste Konzert (schlechte gibt es allerdings nicht). Das lag nicht an der Band (die sind einfach Boogietiere), nicht an der Songauswahl (da wird immer irgend jemand mäkeln) und nicht am Sound (war hinten deutlich zu leise). Es lag - mein Gott ich wird verrückt - am Publikum!
Status Quo spielen in München seit Jahren im Circus Krone. Der ist immer voll. Da gehören sie hin. Mit der neuen Platte "Heavy Traffic" und einer Menge PR im Rücken (und wohl auch, weil gleichzeitig Barclay James Harvest den Circus blockieren), gibt es dieses Jahr ein Konzert in einer deutlich größeren Halle. Und: Sie ist mit 2.300 Fans rappelvoll!
Caroline (1973), The Wanderer (1984) und Something 'Bout You Baby I Like (1981) eröffnen das Konzert. So weit so gut. Auf den Wanderer könnte ich persönlich verzichten. Ist aber egal, Don't Waste My Time... Die Bühnendeko schaut klasse aus, und die Band rockt wie neu.
4500 Times kommt ziemlich lang, wird - viel zu früh natürlich - abgelöst von Rain (das mir irgendwie härter und schärfer als sonst vorkommt, vor allem von Rossi höre ich ein geiles Solo - hat er auf seine alten Tage noch dazugelernt?) und dann kommt der Ausfallschritt in die Jetzt-Zeit.
Gleich 4 Songs von "Heavy Traffic" am Stück. Interessanterweise nicht die aktuelle Single Jam Side Down. Das haben Quo nicht mehr nötig und ist außerdem eh eine fade Nummer. Drei der neuen Songs sind in Zusammenarbeit mit Bob Young entstanden. Das sagt alles, oder? Von mir aus könnten sie auch das komplette Album spielen (The Oriental wäre doch super gewesen). Aber was sagen die anderen Leute in der Halle?
Nix sagen die. Es wird ruhig, vor allem in den hinteren Reihen. Sogar der notorische Klatscher links neben mir hält kurz inne. Aber warum? Der Rhythmus unterscheidet sich doch nicht von Rockin' All Over The World und dem Rest.
Medley Teil 1: Mystery plus Gefolge. Erste Brandblasen auf den Fingern der Feuerzeugschwenker. Himmel, sind wir denn bei Chris DeBurgh?
Dann mein persönliches Highlight. Gerdundula mit 4 Gitarren. Bown mit einer Halbakustischen und Rhino mit einem schönen Solo. Da fragt mich der Quadratschädel neben mir doch glatt, ob das denn auch von der neuen CD sei. In diesem Moment werde ich zu Mike Tyson und beiße ihm ein Ohr ab. So einer hat es nicht verdient, den Rest noch zu hören. Glücklicherweise lenkt mich die üppige Blondine rechts sogleich ab. Die Big Fat Mama rockt furchtbar und schreit genau wie Rick dauernd "say you need me" mit überschnappender Stimme. Nur kneift bei Rick der BH nicht...
Und wieder Feuerzeuge. Down Down, get down, deeper and down. Halleluja, DEEPER und nicht höher!
Hinter mir steht einer mit verschränkten Armen, vor mir zwei, die ich definitiv bei Heck in der Hitparade auch schon gesehen habe, 5 Meter weiter beschwert sich eine im Cocktailkleid, dass ihr einer Bier über die Rüschen gekippt hat. Ja und? Whatever You Want, hey Typ, Du brauchst eh ein neues Bier, bring mir auch eins mit. Danke.
Ich schwitze. Die Band auch und dann ist nach gut 90 Minuten Schluss.
Medley Teil 2 / Zugabe: Oh Carol, Rock'n'Roll Music, I Hear You Knockin' etc. und natürlich Bye Bye Johnny. Ich brauch diesen lauwarmen Kram an sich nicht. Backwater, Hold You Back oder In My Chair wären doch Alternativen. Immerhin haben sie erstmals seit Jahren das unsägliche In The Army Now "vergessen".
Was lernen wir also? Ich bin lange nicht mehr so fit wie früher, mir läuft die Soße in Strömen aus dem Pony, das Kreuz schmerzt und die Hüfte kneift. Status Quo sind restlos over the top und geben keine Konzerte mehr sondern Events. Hänsel und Gretel sind da, es könnte auch ein taubstummer Eskimo Juniors Wailing auf dem Kamm blasen und die Firma BIC würde trotzdem Rekordumsätze machen.
Zum Glück ist die Olympiahalle noch größer. Da sehen wir uns dann am Samstag bei ZZ TOP wieder. Ich und die 10.000 anderen Münchner Hardcore-Rock'n'Roller.
Wo wir grade dabei sind. Könnten bitte ein paar von Euch demnächst in den Clubs vorbeischauen? Wenn eine Münchner (Nachwuchs-) Band sich den Arsch aufreißt. Oder wenn eine amerikanische Kultband zeigt wo der Hammer hängt. Konzerte mit 2, 15 oder 35 Zuschauern sind so schrecklich öde...
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